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16.04.2014

Berliner Morgenpost: Wer in dieser Welt ausschert, hat ein Problem

"Orpheus steigt herab" von Tennessee Williams in Potsdam

In dieser Tristesse möchte man nicht tot überm Gartenzaun hängen: Auf der weiten Bühne steht hinten nur ein billiger Kunststoff-Gartenpavillon, vorn eine Biertischgarnitur. Hier sitzen die Nachbarn: Die Frauen tratschen, die Männer haben das letzte Wort und der Sheriff ist ein kleiner Gott.

Wer in dieser Welt ausschert, hat ein Problem. Man ahnt das schnell in "Orpheus steigt herab", Tennessee Williams' Südstaatendrama um einen Außenseiter, der in die lähmend-heile Welt einbricht und sämtlichen Frauen den Kopf verdreht. Val hat eine Gitarre und eine Jacke, die glänzt wie Schlangenhaut. Dass er anders ist als die handfesten Typen im Ort, wittert zuerst die psychisch labile Carol, dann die esoterische Malerin Vee und schließlich auch Lady, die auf den Tod ihres verhassten Mannes wartet, um (mit Val) endlich neu durchstarten zu können. Daraus wird nichts: Wer den Mythos kennt, weiß, dass am Ende die Mänaden Orpheus zerreißen.

"Orpheus steigt herab" gehört zu Williams' schwächeren Werken, es fiel schon am Broadway und als Film durch, zu klischeehaft und brav gezirkelt ist ihm das Stück geraten. Man könnte es für unspielbar halten, hätte nicht Sebastian Nübling, jetzt Hausregisseur am Gorki-Theater, im vergangenen Jahr beim Theatertreffen mit seiner Münchner Inszenierung bewiesen, wie wild der Text flirren und wie leidenschaftlich er pulsieren kann. In Potsdam allerdings flirrt wenig. Manchmal setzt Regisseur Elias Perrig zu schönen Bildern an, etwa wenn er Ladys fiesen alten Mann langsam die Bühnenweite ausschreiten lässt, als er aus dem Krankenhaus zurückkommt – eine körperliche Inbesitznahme. Oder wenn am Ende, als alles vollgestellt ist mit diesen billigen Pavillons (ein Versuch Ladys, das Vergnügungslokal ihres Vaters wiedererstehen zu lassen), die Jagd auf Val losgeht und die Meute dabei alles kurz und klein haut, sodass am Ende nur noch Plastik-Kleinholz übrig bleibt.

Aber ihm fehlt jedes Gefühl für die Abgeklärtheit und Coolness, die die Charaktere auch haben und vor denen ihre emotionalen Ausbrüche erst berühren. Hier steigern sich alle schnell in die Hysterie. Bei Melanie Straub etwa ist Carol von Anfang an reif für die Klapse, und selbst Christiane Hagedorn, deren Lady ziemlich schön auftaut aus ihrer inneren Geschäftsfrau-Erstarrung, wird irgendwann zum weinerlichen Weibchen. Und das alles wegen dieses Rocker-Wracks, als das Holger Bülows Val durch die Gegend wackelt und mit Reibeisenstimme auf seine Unabhängigkeit pocht? Gerade weil Bülow neulich im "Urfaust" noch ein so glamrockig-tänzerischer Mephisto war, ist unverständlich, warum er seinen Val so erdenschwer hinschlurfen muss. Da hilft auch kein Schlangentattoo auf dem Oberkörper. Was Perrig an ihm, was an der Geschichte gereizt haben mag – man erfährt es nicht, weil er sie zu brav wegerzählt.


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