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11.04.2014

Heidelberger Stückemarkt: Das hier ist für immer

"Schwimmen lernen" – Regisseur Hakan Savaş Mican Berliner Zweitaufführung führt Marianna Salzmanns Liebesgeschichte in ein musikalisches Kammerspiel

Das Meer eignet sich als Metapher für so ziemlich alles, aber besonders für die Sehnsucht nach der Ferne, nach Verwandlung, Veränderung: mit seiner Weite, seiner Brise, seiner andauernden Umwälzung. Auch Marianna Salzmann hat das Meer zum zentralen Sehnsuchtsort ihrer Protagonisten erkoren: "Ich finde, wir sind gerade eine gute Idee. Vielleicht die beste, die das Universum je hatte", beteuern sich Feli und Pep in "Schwimmen lernen", als sie einander heiraten und sich doch erst fünf Wochen kennen. Da erscheinen Feli sogar die spießigen Niederungen des Alltags als Abenteuer, und Pep zeigt stolz seinen beringten Finger herum. Aber dann trifft Feli Lil, verliebt sich in sie, zieht ihr hinterher ans Schwarze Meer. Natürlich geht das schief – am Ende sitzt Lil allein am Wasser, an das Feli immer wollte.

Also projiziert Regisseur Hakan Savaş Mican für Momente Wellen an die Rückwand des STUDIO Я, der kleinen Bühne des Berliner Gorki Theaters. Sie glitzern und wogen, als Feli und Lil zum ersten Mal miteinander sprechen – schließlich sucht Feli in Lil das, was das Meer repräsentiert, obwohl sie gegenüber Pep betont, wie sehr sie all das wolle, was man mit Enge und Beschränktheit umschreiben könnte, "die Kuchensonntage mit Alkohol mit Schwiegervater und mit dir und deinen Geschwistern über Autos reden. Ich will das. Diesen ganzen Schrott."

Salzmann hat in ihrem Text viele Sprachspuren ausgelegt, die andeuten, dass die Beziehungen scheitern werden – viel zu groß sind die rhetorischen Gesten, wenn die Protagonisten Sachen sagen wie "Das hier ist für immer, ich weiß das" und "Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich bleiben will bei jemandem". Auf der schmalen Bühne, die sich links und rechts in Spiegelwänden unendlich fortsetzt und auf der nur ein Klavier, zwei Gitarren, Hocker und Mikrofone stehen, als warteten sie auf ein Indie-Pop-Konzert, kontert Mican mit einer entspannten Probenatmosphäre, die er regelmäßig in die Gefühlsextreme treibt, ohne je das Maß zu verlieren. Oft wirken die Figuren und ihre Schauspieler enorm privat, große Kinder mit reinen Herzen, die einen trotz ihrer pubertären Unbedingtheit enorm berühren. In Deutschland, so Micans Eindruck, hätten die Theatermacher eine Heidenangst vor Gefühlen, verschanzten sich hinter Ironie und Zynismus. "Warum darf ich nicht im Theater weinen?", fragt er. "Wütend sein? All die menschlichen Gefühle spüren?"

Sein Credo: "Ich arbeite nicht mit Schauspielern, sondern mit Menschen." Letztlich seien sie weniger Schauspieler als Schaufühler – je stärker sie ihrer Rolle nachspürten, desto stärker wirke eine Inszenierung. In "Schwimmen lernen" findet er dafür ein gutes Beispiel: "Den Charme dieses Abends, seine Leichtigkeit, kann man nicht zwingend erspielen. Das hat viel damit zu tun, wie die Schauspieler als Menschen sind. Es ist für uns alle natürlich trotzdem eine harte Arbeit, diese Stimmung, dieses Gefühl zu finden."

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