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10.04.2014

Heidelberger Stückemarkt: Suche nach dem Resetknopf

"Tanzen! Tanzen!" – Daniel Foerster entwirft das Panorama einer entfremdeten Generation

Früher funktionierten Selbstdefinitionen bestenfalls so: Ich denke, also bin ich. Heute ist die Sache zugleich komplizierter und einfacher geworden: "Ich tanze – ich – ich bin – ich tanze", sagt Michelle in der zentralen Szene des Stücks. Und Conny, der lange als eine Art unsichtbarer Chronist durchs Stück geistert, beobachtet: "Tanzen, tanzen in diesem Club, für den ihr euer gutes Geld, das gute Geld, das ihr nach Hause schafft, das Geld gezahlt habt, um hier zu tanzen, euch hier zu finden und zu lieben" – der körperliche Rausch als letzte Selbsterfahrungsbastion und dennoch Teil der alltäglich kapitalistischen Verwertungskette.

Zentral ist die Szene nicht nur durch ihre Position in der Mitte des Stücks, sondern auch, weil sie ihm den Titel gibt. In "Tanzen! Tanzen!" versammelt Daniel Foerster sechs Zögerer, Lebensfremde, Soziophobe, alle nah am Absturz gebaut. Sie scheitern auf den verschiedensten Ebenen, an sich und an den anderen. Es sind Charakterskizzen, deren Wege sich im "Short Cuts“-Prinzip kreuzen. Zum Beispiel in besagter neunten Szene, die "Club" heißt. Da sind Frank und Michelle, sie Mitte 20, er Mitte 30, nur scheinbar das ideale Paar, als das sie sich verbal feiern. Anwesend ist auch Nassim, der Busfahrer mit Waschbrettbauch und einem Abschluss in Medizin, der in Deutschland "nichts zählt". Mit ihm war Michelle zuvor im Bett: Während die beiden ihre "Arbeit an der Liebe" vollzogen, saß Frank hinterm transparenten Spiegel mit Pizza und Bier und "kurbelt mit geübtem Handgriff seinen besten Geschäftspartner auf Maximalstellung".

"Ich liebe dich, sagt Frank, wenn ich dich nicht haben kann", sagt Frank – und in dieser Konstruktion steckt nicht nur eine der vielen kleinen, unauffälligen Gegenwartsanalysen, sondern auch das Erzählprinzip von "Tanzen! Tanzen!". Die Figuren sprechen meist in der dritten Person von sich, erzählen und beschreiben mehr, als dass sie handeln. Wenn sie miteinander reden, dann hat das nur bedingt mit dem zu tun, was sie denken und fühlen. Es ist der (verlogene) Versuch, sich gemeinsam zu konstituieren (als Paar zum Beispiel); oft geht das Gedachte und Gesagte derart durcheinander, das eine klare Trennung unmöglich ist.

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