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25.04.2014

Berliner Morgenpost: Philharmoniker gründen eigenes Plattenlabel

Über Nachfolge von Rattle schweigt man sich aus

Das ist natürlich ein Coup: Die Berliner Philharmoniker gründen ihr eigenes Plattenlabel. Mit Berliner Philharmoniker Recordings wollen sie ihre Aufnahmen selbst vermarkten. "Wir wollen niemandem Konkurrenz machen", sagt Medienvorstand Olaf Maninger am Donnerstag bei der Jahrespressekonferenz. Dabei lässt sich kaum weglächeln, dass diese Neugründung eine Unabhängigkeitserklärung an die schwächelnde Musikindustrie ist, die immer stärker auf vermarktbare Gesichter setzt und immer unattraktivere Bedingungen diktiert.

 

Die erste Ausgabe, Schumanns Sinfonien 1 bis 4, setzt mit elegantem Buch statt Booklet und kombinierter CD/Blu-Ray Disc/Download-Edition Maßstäbe. Sogar eine Liebhaber-Ausgabe für Vinyl-Fans gibt es. Für die Zukunft sind Aufnahmen des großen Repertoires geplant – also das, was die großen Labels nur noch selten produzieren. Die Philharmoniker können es sich leisten, schließlich sind sie nicht nur eines der besten, sondern auch eines der erfolgreichsten Orchester der Welt: Während im großen Saal die Auslastung von gut 92 Prozent kaum mehr zu steigern ist, konnte im Kammermusiksaal die Auslastung um zehn Prozent auf gut 72 Prozent erhöht werden. Der virtuelle Konzertsaal protzt sogar mit 30 Prozent Abo-Zuwächsen.

Das Orchester kann es es sich auch leisten, sich über die Nachfolgersuche von Simon Rattle auszuschweigen. Immerhin bleiben noch vier Jahre, bis der Maestro abtritt. Bislang habe man gerade mal die Wahlordnung reformiert, so der Orchestervorstand Peter Riegelbauer. Rattle selbst wirkte trotz Probenstress entspannt, plauderte charmant wie immer über das Programm der nächsten Saison, das neben einem Sibelius-Schwerpunkt sämtliche Brahms- und Schumann-Sinfonien bringt. Er scherzte über sein Alter (er wird im nächsten Jahr 60) und darüber, dass das ziemlich dick geratene Vorschauheft "nicht der neue Murakami-Roman" sei, auch wenn man das bei dem Umfang vermuten könne.

Die Saison 2014/15 umfasst 40 Programme in 96 Konzerten in der Philharmonie, das Waldbühnenkonzert, 32 Reise-Auftritte und vier Opernaufführungen in Baden-Baden. Es ist wie gewohnt gespickt mit Stars: Unter den Dirigenten sind Herbert Bloomstedt, Lorin Maazel, Riccardo Muti, Daniele Gatti, Christian Thielemann, Andris Nelsons, unter den Solisten Lang Lang, Martha Agerich, Hélène Grimaud, Angela Denoke, Joyce DiDonato – und der Artist in Residence der kommenden Spielzeit, der Geiger Christian Tetzlaff. Einer sticht aber besonders hervor: Menahem Pressler. Der Pianist, der als Jude aus Nazi-Deutschland fliehen musste und später das weltberühmte Beaux Arts Trio gründete, debütierte erst im Januar 90-jährig bei den Philharmonikern und kommt nun zum Silvesterkonzert wieder.


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