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05.05.2014

Berliner Morgenpost: "Amphitryon" spielt mit den Identitäten

"Amphitryon" vom Schauspielhaus Zürich beim Berliner Theatertreffen

So hingebungsvoll kann es manchmal um die Wurst gehen: Gegen Ende, als die Verwirrung ohnehin schon übergroß ist, wird Wolfram Koch, "Tatort"-Kommissar, früher Gotscheff-, heute Fritsch-Spieler (und mit "Ohne Titel" selbst beim Berliner Theatertreffen dabei), auf die Bühne gezerrt. Aus der Kantine habe man ihn geholt, weil man einen Merkur brauche. Also sitzt er jetzt mit Bierdose und Teller am bereitgestellten Tisch, liest seine Rolle und verteidigt dabei seine Wurst gegenüber der Zürcher Schauspielerin, die sie ihm als Sosias streitig macht. Jetzt wird's handgreiflich: So leicht lässt sich einer wie Koch nicht das Essen klauen.

 

Es ist der boulevardeske Höhepunkt der Identitätskrisen, die Karin Henkel nach Heinrich von Kleist als "Amphitryon und sein Doppelgänger" am Schauspielhaus Zürich entfachte und nun beim Theatertreffen im Deutschen Theater zeigt. Wobei Henkel das, was Kleist angelegt hat, konsequent auf die Spitze treibt: Weil Obergott Jupiter mit der Frau des Feldherrn Amphitryon ins Bett will, nimmt er dessen Gestalt an, Merkur doppelt dessen Diener Sosias, was für Verwirrung unter den Menschen sorgt und in handfesten Ehekrächen gipfelt. Außerdem in der Frage: Wer bin ich?

Und wenn ja, wie viele?, fügt die Inszenierung an, wenn sie die fünf Schauspieler sich alle Rollen teilen und sie vervielfachen lässt. Oft geben sie sich die Sätze wie beim Staffellauf weiter, dann wieder wechseln sie sich mitten in einer Szene ab. Schnell weiß man auch als Kleistkenner nicht mehr so ganz, ob ein Schauspieler zum Beispiel gerade Amphitryon spielt oder Jupiter in der Gestalt des Feldherrn.

Auf der Film-Noir-Bühne öffnet sich später eine zweite, erhöhte Spielebene, auf der sich alles doppelt. Schließlich überlagern sich Kostüme wie Identitäten. Kein Wunder, wenn selbst die Schauspieler nicht mehr durchsehen, streiken und aus ihrem Rollen-Chaos treten – um dann festzustellen, dass ihnen für eine eindeutige Rollenaufteilung ein Schauspieler fehlt, weswegen also Koch aus der Kantine geholt wird. Ein Theatertreffen-Gimmick, übrigens: Denn ihm folgt noch der schon in Zürich vorgesehene Schauspieler, was so grotesk wie großartig ist.

Dass der Theaterabend bei soviel Verwirrungs-Steigerung funktioniert, liegt daran, dass er sich nach einem etwas zerfasernden Start schnell auf die starke Story besinnt und bald Kleists Sprache funkeln lässt. Vor allem Lena Schwarz ragt heraus, die ihre großen Alkmene-Momente wie eine Hollywood-Diva zelebriert zwischen Bette Davis und Katharine Hepburn, mit wohldosierter Hysterie über einem unerschütterlichen Würde-Kern. Henkels Regie zündet aber auch deshalb, weil sie behutsam darauf hinweist, wie heutig die Identitätsfrage ist: Als Laterna-magica-Schatten huscht das Windows-Symbol über die Wand, während die Persönlichkeitswechsel darunter stark an die Selbstdarstellungen und Netzaufsplitterungen bei Facebook, Twitter und Co. erinnern.


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