Archiv Referenzen

20.05.2014

Nürnberger Nachrichten: Aufregend waren beim Theatertreffen vor allem zwei Plagiatsskandale

17 Tage lang wurden in Berlin beim 51. Theatertreffen die "bemerkenswertesten" Inszenierungen der Saison gezeigt. Jetzt ging das Festival mit der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises an Valery Tscheplanowa vom Münchner Residenztheater zu Ende.

Zum Ende des diesjährigen Berliner Theatertreffens gab es dann zumindest thematisch noch einen Franken-Bezug: In Alvis Hermanis’ Zürcher Inszenierung „Die Geschichte von Kaspar Hauser“ sind die Biedermeier-Spießbürger verkleidete Kinder, die von den Schauspielern in Schwarz wie Puppen durch ihre Miniaturwelt geführt werden. Unter ihnen wirkt das Nürnberger Findelkind Kaspar wie ein Riese, passt nicht ins Format. Ansonsten macht sich die Region wieder mal rar, obwohl mit NN-Autor Bernd Noack ein Franke in der Theatertreffen-Jury sitzt, die zehn Aufführungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unter dem dehnbaren Begriff „bemerkenswert“ nach Berlin schickten. Mit klarem Nord-Süd-Gefälle: Während aus Berlin nur Herbert Fritschs neuester Volksbühnenstreich eingeladen wurde – „Ohne Titel Nr. 1“ ist eine virtuose Körperslapstick-Nummernrevue, aber so hat man das von Fritsch schon oft gesehen –, dominierte München das Festival mit vier Einladungen von teils bemerkenswerter Qualität.

Nicht unbedingt mit der Eröffnung, „Zement“ vom Residenztheater: Dimiter Gotscheff arbeitete sich vier Stunden ehrenwert ernsthaft, staubig und trocken an Heiner Müller ab, dass man sich wie in einer Zeitmaschine fühlt – die 80er grüßen vernehmlich. Als finales Werk des im Herbst gestorbenen und für Berlin prägenden Regisseurs wurde es dennoch mit langem Applaus begrüßt. Prägend für Berlin ist auch Volksbühnen-Intendant Frank Castorf, dessen Céline-Adaption „Reise ans Ende der Nacht“ vom Resi sich locker mit Castorfs besten Arbeiten messen lassen kann: unterhaltsam, ausufernd, mit großartig verspielter Bühne, die auf wundersame Weise den zerrissenen Céline-Roman spiegelt.

Noch souveräner bewiesen die Münchner Kammerspiele, Dauergast beim Theatertreffen, ihre Klasse. An Susanne Kennedys hoch stilisierter „Fegefeuer in Ingolstadt“-Inszenierung schieden sich die Geister: Ist das noch kühler Stil oder schon Gefriertruhe, diese scharf geschnittene Bilderfolge? Dass sich die Geschichte letztlich doch erzählt mit hervorragenden Schauspielern, die man am liebsten gleich in Berlin behalten würde, spricht eindeutig für die Inszenierung. Alain Platels „tauberbach“ hingegen wurde stehend gefeiert – die Mischung aus Tanz, Bachchorälen und Gehörlosen-Gesängen, Verlorenheit und Schönheit auf der Altkleider-Müllhalde berührt enorm. Wie sehr München gerade leuchtet, machten auch die drei während des Festivals verliehenen Preise deutlich, die allesamt an die Isar gingen.

Emotionaler Höhepunkt des Festivals, ebenfalls stehend bejubelt: „Die letzten Zeugen“ vom Wiener Burgtheater. Vier Schauspieler lesen aus den Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden, die hinter einer Gaze sitzen, auf die Bilder von ihnen und illustrierende Fotos projiziert werden. Am Ende kommen sie nach vorn und wenden sich mit kurzen Statements ans Publikum. Das ist derart berührend und bewegend, dass sich die Frage nicht stellt, ob das auch ästhetisch wegweisendes Theater ist.

Eindrucksvoll machte der Abend deutlich, was Theater kann – und wo es Behauptung bleibt. Etwa bei Hermanis’ erwähntem „Kaspar Hauser“: Man begreift viel, fühlt aber zu wenig. Ähnlich konzeptionell Karin Henkels „Amphitryon“, ebenfalls aus Zürich, in dem sich die Rollen mal verdoppeln, mal verfünffachen. Irgendwann wird doch richtig Kleist gespielt, dann funkeln Witz und Sprache. Schönstes Hochglanztheater in Film-Noir-Ästhetik. Mutiger war die Einladung von Robert Borgmanns „Onkel Wanja“ aus Stuttgart: Langsam kreist ein alter Volvo ohne Räder auf der Bühne, auf der die teilweise famosen Schauspieler Langeweile in Echtzeit zelebrieren. Manchmal reibt sich das angenehm rau an der russischen Melancholie, oft aber verdämmert es spannungsarm im Halbdunkel der nahezu leeren Bühne.

Am Ende waren nicht unbedingt die eigeladenen Inszenierungen das Bemerkenswerteste beim diesjährigen Berliner Theatertreffen, sondern zwei Plagiatsskandale. Die Schweizer Jurorin Daniele Muscionico hatte laut Recherchen des Onlineportals nachtkritik.de für den Text, in dem sie die Einladung von „Reise ans Ende der Nacht“ vom Residenztheater begründete, weiträumig aus dem Programmheft abgeschrieben. Weil das kein Einzelfall war, musste sie zurücktreten. Bald entkräftet hingegen war der Vorwurf, Alain Platel habe in „tauberbach“ von einer Berliner Off-Produktion zum selben Thema abgekupfert. Weder hatte er sie gesehen noch kannte er deren Regisseurin.

Obwohl einiges fehlte bei der Theatertreffen-Auswahl (vor allem eine Inszenierung von Shermin Langhoffs bemerkenswertem Berliner Gorki-Theater), war es ein halbwegs ausgewogener Jahrgang mit großer Bandbreite zwischen Edel-Boulevard und jungen Wilden, Querschnitt der großen Bühnen statt Bestenliste. Ob das auf Dauer reicht, um sich unter den – gerade im Mai – grassierenden Theaterfestivals auf der Pole Position zu halten? Dass es einige Vorstellungen gab, bei denen die Menschen keine Karten suchten, sondern welche loswerden wollten, ist ein Bild, das sich Jury wie Macher noch einmal durch den Kopf gehen lassen sollten.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung