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10.05.2014

Abendzeitung München: In der Zeitmaschine

Gastspiele der Münchner Kammerspiele und des Bayerischen Staatsschauspiels beherrschen das Berliner Theatertreffen. Manche Schauspieler würden die Hauptstadtbühnen gerne behalten

Berlin schaltet seine Scheinwerfer an - und München leuchtet: Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen, dem wichtigstem Klassentreffen der Szene aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, hat man bislang den Eindruck von Isar-Festspielen. Vier der insgesamt zehn Einladungen gingen ans Residenztheater und die Kammerspiele. Außerdem erhielt Regisseurin Susanne Kennedy von den Kammerspielen den 3sat-Preis, während ihr Intendant Johan Simons mit dem hoch dotierten Theaterpreis Berlin (20 000 Euro!) ausgezeichnet wurde.

Dessen Inszenierungen waren selbst mehrfach eingeladen, diesmal diskutierte die Kritiker-Jury auf ihrer Longlist (die oft spannender ist als die finale Auswahl) Simons' "Dantons Tod" und "Onkel Wanja", daneben noch Sebastian Nüblings "Ilona. Rosetta. Sue" und Stephan Kimmigs "Plattform"-Inszenierung. Damit verteidigen die Kammerspiele souverän ihre Pole Position im deutschsprachigen Raum.

Beim Theatertreffen weht traditionell ein rauer Wind, weil die mäkeligen Berliner nur darauf warten, dass etwas nicht so glänzt, wie es angepriesen wird. Alain Platels Tanztheater "Tauberbach" hingegen wurde schon bei einem ersten Gastspiel im März gefeiert – Platel hat hier eine eingeschworene Fangemeinde, und die Mischung aus Live- und Gehörlosen-Gesängen und Tanz auf der Altkleider-Müllhalde war die bislang emotional aufgeladenste Inszenierung des Theatertreffens.

Bei Kennedys hoch stilisierter Inszenierung von Marieluise Fleissers "Fegefeuer in Ingolstadt" schieden sich die Geister: Ist das noch kühler Stil oder schon Gefriertruhe, diese scharf geschnittene Bilderfolge? Dass sich die Geschichte letztlich doch erzählt mit hervorragenden Schauspielern, die man am liebsten gleich in Berlin behalten würde, spricht eindeutig für die Inszenierung.

Die ausgewählten Resi-Inszenierungen hingegen sind Heimspiele: Sowohl Dimiter Gotscheff als auch Volksbühnen-Intendant Frank Castorf sind seit über zwanzig Jahren Motoren der Berliner Theaterszene.

Gotscheff starb im Herbst, "Zement" blieb seine letzte Inszenierung und wurde nun zum Requiem stilisiert. Drumherum hatten die Berliner Festspiele gleich ein ganzes Gotscheff-Gedenk-Event dekoriert, mit Ausstellung, Konzert und drei parallel laufenden Berliner Gotscheff-Inszenierungen.

Wer jetzt noch einmal seinen Volksbühnen-"Ivanow" sah (2006 beim Theatertreffen) oder "Die Perser" am Deutschen Theater, merkte deutlich, wie weit "Zement" von dieser Klasse entfernt ist: Die vier Stunden arbeiten sich ehrenwert ernsthaft, staubig und trocken an Heiner Müller ab, dass man sich wie in einer Zeitmaschine fühlt - die 80er grüssen vernehmlich. Aber als finales Werk des heiligen Mitko wurde es dennoch mit langem Applaus begrüsst.

Da war der Jubel nach Castorfs "Reise ans Ende der Nacht" deutlich euphorischer – von denen, die nach der Pause noch geblieben waren. Die Inszenierung kann sich locker mit Castorfs besten Berliner Arbeiten messen: unterhaltsam, ausufernd, mit großartig verspielter Bühne, die auf wundersame Weise den zerrissenen Celine-Roman spiegelt. Auch wenn die Resi-Schauspieler ihre Volksbühnen-Vorbilder ziemlich eindeutig kopieren, so entwickeln sie doch eigene Versionen draus, vor allem Franz Pätzold und Britta Hammelstein. Gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass am Ende des Theatertreffens auch der von Edith Clever vergebene Alfred-Kerr-Darstellerpreis nach München geht.


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