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11.05.2014

"Der Hundertjährige" steigt auf die Berliner Bühne

Bestseller als Vorlage: Mit Witz und viel Pappe wird die Geschichte vom "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand" in Berlin erzählt. Allein das Bühnenbild ist der halbe Spaß.

Es gibt Romane, bei denen wundert man sich ernsthaft darüber, dass sie für die Bühne bearbeitet werden. Jonas Jonassons Millionenbestseller "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" ist so einer.

Mit gut 430 Seiten gehört er zwar nicht zu den ganz dicken Schwarten (Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" etwa wurde mit weit über 1000 Seiten für bühnentauglich befunden), dafür passiert so viel wie in den gesammelten Werken mancher Autoren nicht. Allan Karlsson flieht an seinem 100. Geburtstag aus dem Altersheim, klaut halb aus Versehen einen Koffer voller Geld und hat bald nicht nur die Gangster, sondern auch die Polizei am Hals. Bei seiner Odyssee durch Schweden schließt er Freundschaften mit schrägen Charakteren – die Reisetruppe wächst von Station zu Station.

Außerdem erfährt man nebenbei, was er sonst noch so getrieben hat im Leben: Als Sprengstoffexperte kümmert er sich nie um die politische Seite, solange es nur schön "Krawumm" macht. Nebenbei erfindet er die Atombombe mit und macht sich später um die Abrüstung verdient, trifft Präsident Trumann, Stalin und Mao und springt dem Tod immer wieder von der Schippe.

Wie aber kriegt man all diese Verwicklungen und Geschichtchen auf die Bühne? Indem man die große Chance des Theaters nutzt und Dinge behauptet, die einem sonst niemand glauben würde. Regisseurin Eva Hosemann, die lange Jahre das Theater Rampe in Stuttgart leitete und die Inszenierung schon mit anderen Schauspielern in Hamburg erarbeitet hat, setzt bei ihrem Berlin-Debüt das moderne Märchen in drei gestaffelte Rahmen, in denen ihre Schauspieler manchmal wie Puppen wirken.

Was nicht zuletzt an den herrlich augenzwinkernden Papp-Kulissen von Stephan Bruckmeier liegt: Der Esstisch ist ein Brett mit Rädern, auf dem in den Schwedenfarben Blau und Gelb "Esstisch" steht. Und wenn Karlsson in Spanien eine "Brücke" sprengt, dann klappen in Zeitlupe das Ü und das C nach hinten. Für alle, die beim Theaterbesuch gerne mal ihre Lesebrille zu Hause lassen: Unbedingt einpacken, die Buchstabenbühne ist der halbe Spaß!

Allein wie Hosemann die berühmte Szene mit der Elefantendame umsetzt, ist so simpel wie hinreißend (und wird nicht verraten). So balanciert sie den Abend fein zwischen szenischem Witz und der Geschichte, die sie ebenso ernst nimmt wie Allan Karlsson, der bei Stephan Szász als Greis in Strickjacke vor sich hintrippelt. Als junger Mann dreht er sich fix die Schiebermütze nach hinten, richtet sich auf – fertig ist der Zeitsprung ohne Maskenaufwand.

Spannend wird der bauernschlaue Greis und ehemalige Weltenbummler vor allem durch seine vielen Begegnungen, und hier spitzen die übrigen neun Darsteller mit Verve in über 50 Rollen schöne Karikaturen zu, die durchaus dick, aber selten zu dick auftragen. Plötzlich sind dreieinhalb Stunden vergangen – nicht wie im Flug, da hätte Roman-Bearbeiter Axel Schneider mehr Mut zur Lücke haben müssen. Aber der Abend fühlt sich kürzer an – ein Kompliment, das man nicht allzu vielen Inszenierungen machen kann.


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