Archiv Referenzen

18.06.2014

Berliner Morgenpost: Revolutionäre mit einem Hang zur Melodramatik

Frank Panhans inszeniert Klaus Kordons Jugendbuchklassiker "1848 – Die Geschichte von Jette und Frieder"am Grips Theater. Ein spannendes Stück mit melodramatischer Schlagseite.

Wie entsteht eine Revolution? Klaus Kordon hat das in seinem 1997 erschienenen Jugendbuchklassiker "1848 – Die Geschichte von Jette und Frieder" ziemlich überzeugend geschildert: Die Armut und das Elend der Arbeiter ebenso wie die Dynamiken, die aus königstreuen Untertanen einen wütenden Mob machen. Es ist eine Berliner Geschichte, durchpulst von sozialdemokratischem Pathos, abgemildert durch Kordons packendes Erzählen: Der Zimmermann Frieder liebt Jette, die mit ihrer Schwester, einer Prostituierten, und deren Sohn Fritzchen zusammenlebt. Eigentlich sind sie unpolitisch, aber als die Kartoffelpreise steigen, werden sie Teil der Ereignisse, die den Weg zur deutschen Demokratie bahnten.

Eine Geschichte, wie gemacht fürs sozialpolitisch engagierte Grips Theater, für das Thilo Reffert Thilo ("Nina und Paul", "Leon und Leonie") aus den gut 500 Romanseiten eine ziemlich eigenständige Fassung kondensiert hat. Er konzentriert sich dabei auf Kordons Dialoge und zieht – wesentliche Neuerung – immer wieder Linien in die Gegenwart. Einmal träumen Jette, Frieder und Guste davon, wie es wäre, wenn ein Arbeiter König von Deutschland wäre, oder eine Frau, oder ein Schwarzer Präsident der USA, und da spürt man ihn, den Atem der Geschichte.

Regisseur Frank Panhans nutzt solche Momente, um das Spiel zu brechen. Filmisch blendet er Szenen und Rollen übereinander auf der Bühnenfläche, für die Ausstatter Jan A. Schroeder eine Karte von Berlin um 1848 stilisiert hat, während im Hintergrund wilde Videoskizzen wuchern. Panhans erfindet tolle Übergänge, etwa wenn Frieder dem Musiker und Tontechniker Stefan Faupel, der auch immer Ort und Zeit ansagt, heimlich eine Frauenperücke überstülpt – ein Spaß, der direkt in eine verqualmte Bordell-Szene überleitet. Schön auch, wenn die Revolutionsromantik der Guy-Fawkes-Masken hinterfragt wird: billig produziert in China, die Rechte gehören einem amerikanischen Konzern.

Überhaupt gehören die direkten Publikumsansprachen zu den Stärken des Abends, wo die acht Schauspieler glänzen, die die etwa 30 Rollen scharf konturieren. Allerdings bekommt Refferts Stück immer mal wieder Melodram-Schlagseite (etwas, was im Roman durch den Erzählsog nie so auffällt), und da fällt auch Panhans nichts ein, als auf die Gefühlstube zu drücken. Gegen diese Form von politischem Krippenspiel können sich Paul Jumin Hoffmann und Maria Perlick in den höchst sympathisch gezeichneten Titelrollen nur bedingt wehren. Aber um sie herum tobt das Leben, wo viele Nebenfiguren beeindrucken, vor allem aber Kilian Ponert, der zwischen dem aufgedrehten vierjährigen Fritzchen und einem schießwütigen Soldaten hin- und herpendelt und so die Unschuld und ihren Verlust greifbar macht.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung