Archiv Referenzen

15.06.2014

Berliner Morgenpost: Spannendes Spiel mit der Gegenwart

Die Autorentheatertage enden mit der Langen Nacht

Früher war der Theaterautor mal einer, der still im Kämmerlein seine Dramen schrieb und dann bebenden Herzens einer Bühne übergab. Die diesjährigen Autorentheatertage (ATT) am Deutschen Theater wirkten, als wollten die Macher zeigen, was sich seitdem so geändert hat: Schreibkollektive, Stückentwicklungen, Dokutheater. Jedenfalls jenseits der Langen Nacht der Autoren, für die Juror Till Briegleb unter dem Stichwort "Innehalten" aus den bisherigen Teilnehmern vier Stücke auswählte, die alle eher am Schreibtisch entstanden.

 

Insgesamt zeigten die ATT, die Sonnabendnacht endeten, wie potent, wie gut das deutschsprachige Stadttheater ist – vieles hätte so auch beim Berliner Theatertreffen bestanden. Zum Beispiel Autorregisseur René Pollesch, der in "Gasoline Bill" von den Münchner Kammerspielen aufdreht wie in seinen besten Berliner Arbeiten. Inhalt? Vollkommen zweitrangig, wenn fantastische Schauspieler wie Sandra Hüller und Benny Claessens so wundervolle Wortwitz- und Artistik-Pirouetten drehen.

Ähnlich virtuos ist die Truppe von Christoph Marthaler. Oft schon machte er – als Co-Autor sozusagen – aus alten Geschichten neue. In "Das Weisse vom Ei" aus Basel presst er einen Stoff von Eugène Labiche derart durch seinen Katalysator der grotesken Entschleunigung und des musikalischen Witzes, dass ein völlig überdrehter Abgesang auf die Liebe, die Familie, das menschliche Streben entsteht.

Das ist famos, aber überraschender war Regisseur Thom Luz, der gleich mit zwei Arbeiten verblüffte. In "When I die" lässt sich eine ältere Dame von Komponisten wie Liszt und Beethoven ungeschriebene Werke diktieren, im – zusammen mit der Autorin Laura de Weck geschaffenen – "Archiv des Unvollständigen" aus Oldenburg suchen und finden fünf Schauspielermusiker Töne und Geschichten, die am Ende eine Welt bilden. Luz besitzt ein immenses Gespür für Nuancen und Rhythmus, für Situationskomik und Schönheit und schuf so zwei zärtliche Hommagen an die Vergeblichkeit. Dass "Helmut Kohl läuft durch Bonn" des Berliner Duos Nolte Decar unbedingt auf mehr szenischen Ehrgeiz wartet als den von Markus Heinzelmann und dass das Dokuprojekt "Soldaten" aus Hannover zwar einen spannenden Stoff besitzt, aber szenisch im Beliebigen strandet, schmälert die ATT-Bilanz kaum.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung