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01.07.2010

Nürnberger Nachrichten: Supermans nicht-arische Wurzeln

Eine Ausstellung in Berlin zeigt jüdische Einflüsse auf weltbekannte Comics.

Superman kann ja nicht immer gut drauf sein: Am Jüdischen Museum Berlin legt er eine blutige Bruchlandung hin in Marcus Widmers Skuptur „Auch Helden haben schlechte Tage“. An der Ausstellung „Helden, Freaks und Superrabbis“, auf die der kopflose Superman verweist, kann es nicht liegen. Sie erzählt von der „jüdischen Farbe des Comics“. Und untertreibt mit dieser Umschreibung. Denn der Comic erhielt wesentliche Impulse von jüdischen Textern, Zeichnern, Coloristen und Verlegern. Was wäre die neunte Kunst ohne Namen wie Will Eisner, „The Spirit“-Erfinder und Begründer des „Graphic-Novel“-Genres, ohne Helden wie Superman und Hulk?

Von der ersten Ausstellungs-Seite an wird der Besucher von der spektakulären Architektur des Büros KatzKaiser ins Thema gesogen: Vom Libeskindbau aus zieht sich ein schier endloser Comic-Strip durch die erste Etage des barocken Kollegienhauses, der sich faltet, knickt und staucht, so dass Räume entstehen für die  gut 400 Exponate, darunter 200 Original-Zeichnungen, Drucke und Filmprojektionen.

Chronologisch wird von den Ursprüngen in New York erzählt: Seit 1893 erschienen Comics als farbige Zeitungsbeilagen, und mit ihnen entstanden Figuren, die die amerikanische Populärkultur bis heute bevölkern. Oft wurden sie von jüdischen Einwanderern entwickelt:1895 erfand Richard F. Outcault das legendäre Yellow Kid, eine Rotznase aus den Hinterhöfen, zwei Jahre später Rudolph Dircks die Katzenjammer Kids, die sich explizit an Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ orientierten. Die trieben ebenfalls in den USA ihr Unwesen – in weitergesponnenen Episoden für deutsche Einwanderer.

Schon bei diesen Anfängen kann die Ausstellung, in Paris und Amsterdam entstanden und für Berlin noch einmal erweitert, aus dem Vollen schöpfen. So haben die Macher einen mit Ragtime unterlegten Trickfilm aufgetrieben, in dem Harry Hershfields Abie Kabibble, der erste explizit jüdische Comic-Charakter, einem blinden Mann ein Auto verkauft. Zunächst aber blieb es in den Zeitungsbeilagen wie in den später aufkommenden Heftchen vor allem bei jüdischen Anleihen und Andeutungen: Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs erfanden Künstler wie Jerry Siegel und Joe Shuster Helden in der Tradition des Golem, um mit ihnen die Schurken der Welt zu bekämpfen. An erster Stelle: die Nazis.

Während sich Superman aufklärerisch zurückhält und 1940 zu Hitler meint: „Ich würde Ihnen gerne einen streng nicht-arischen Kinnschlag verpassen, aber dafür ist jetzt keine Zeit“, zeigt sich Captain America weniger zimperlich, und Batman ruft eindringlich zum Kauf von Kriegsanleihen auf.

Nach 1945 machte der jüdische Verleger Bill Gaines in seinem EC-Verlag mit Horror Kasse, bis eine hysterisierte 1954 in den Comic Code müdnete, der anstößige Themen ausschloss. Nur MAD mit seinem ewig grinsenden Titel-Kindskopf Alfred E. Neuman rettete den Verlag: Das Satire-Magazin war als Persiflage auf hauseigene Comics gestartet und erscheint bis heute - seit 1967 auch in Deutschland.

Erst seit Ende der 1970er Jahre wurden explizit jüdische Themen aufgegriffen, vor allem von Künstlern, die aus dem „Underground“ der Hippie-Bewegung kamen. Art Spiegelman zum Beispiel, der später mit der Holocaust-Geschichte „Maus“ den Pulitzerpreis bekam. Zu kurz kommt hingegen die europäische Tradition, über die man auch im hervorragenden Katalog wenig erfährt. Den bekommt man übrigens nur in Berlin. Noch ein guter Grund, hinzufahren.


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