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07.06.2014

Berliner Morgenpost: Heike Makatsch gibt ihr Berliner Theaterdebüt

Heike Makatsch spielt in der Eröffnungspremiere der Autorentheatertage am Deutschen Theater unter der Regie von Stephan Kimmig in Farid Nakims 2003 uraufgeführten Stück "Tag der weißen Blume".

Wenn es ums Theater geht, ist Heike Makatsch ein Star ohne Starallüren. Das hatte sie schon in Leipzig bewiesen, wo sie mehrfach am Centraltheater des spielte – und sich zurücknahm, sich passgenau ins Ensemble einfügte.

Jetzt, bei ihrem Berliner Bühnendebüt, ist das nicht anders: Sie spielt in der Eröffnungspremiere der Autorentheatertage (ATT) am Deutschen Theater unter der Regie von Stephan Kimmig in Farid Nakims 2003 uraufgeführten "Tag der weißen Blume", das Alleinjuror Till Briegleb unter dem Motto "Innehalten" als eines von fünf alten ATT-Stücken zum Wiederentdecken ausgegraben hat.

"Tag der weißen Blume" wirkt ziemlich aktuell: In den 90er-Jahren in Moskau und parallel in den 20er-Jahren auf der Krim knabbern zwei Geschwister an den Folgen der Umbrüche, also der Oktoberrevolution und dem Sieg des Kapitalismus. Nakim zeigt uns ein Russland, wie wir es uns aus westlicher Sicht vorstellen: kalt, hässlich, feindlich gegenüber aller Kreativität, Hoffnung, jedem Anderssein. "Russland ist auf dem Abstellgleis", heißt es einmal.

Makatsch spielt hier die Nebenrollen der Ljudka: In Moskau ist sie eine nervtötende Nachbarin in der Kommunalka, einer Wohngemeinschaft für Erwachsene. Sie wirft ihrem Mitbewohner Radik vor, dass er seine Schwester Lilja bei sich wohnen lässt, zettelt Streit an, ruft die Polizei, mit ziemlich unangenehmen Folgen. Dass sie selbst eine verlorene Seele ist, deutet sich immer dann an, wenn sie mit ihrer toten Tochter spricht, als wäre sie im Raum. Auf der Krim ist sie eine Tschekistin, eine politische Polizistin, die gemeinsam mit dem Kollegen Omon die bürgerliche Sina filzt, weil sich bei ihr ihr Bruder Pawel versteckt, der während der Revolution auf der Seite der zaristischen Weißen kämpfte.

Beiden Rollen, die letztlich auch im Stück schon eine sind, spitzt Makatsch zum Typ harte Schale, labiler Kern zu. Sie taumelt als biertrinkende, notgeile Psycho-Frau durchs Bild und spricht die imaginäre Tochter von der Rampe herunter an, als spielte sie Gretchen im Kerker.

Am tollsten ist sie, wenn sie Musik macht, und das gilt auch für die anderen, für die dann doch um einiges stärkeren Kathleen Morgeneyer und Benjamin Lillie als Geschwisterpaar einst und jetzt. Und für Felix Goeser, der als Tschekist wie als Bulle ganz Trieb- und Gewaltmensch ist, sich aber am Schlagzeug am wohlsten zu fühlen scheint. Gemeinsam singen sie Songs von den Pixies, da vermischen sich "westeuropäische Dekadenz" und Sehnsucht nach Freiheit, nach Weite. Auf Merle Viercks Bühne, eine gähnende Klappstulle aus Betonimitat, die bei jeder heftigen Bewegung lächerlich wackelt, herrscht dagegen Enge: Wer nach hinten abgehen will, muss sich tief bücken.

Überhaupt wirkt vieles in Kimmigs Inszenierung fahrig, unkonzentriert, unfertig, wie eine Studiobühnenproduktion bei der Hauptprobe. Dazu passt, dass Kimmig – wie schon in seiner Reza-Inszenierung "Ihre Version des Spiels" – das Publikum auf der Bühne der Kammerspiele sitzen lässt, um die Situation intimer zu gestalten. Was aber nicht dazu führt, dass einem die Figuren nahe kommen. Nagims Stück ist bei aller Bitterkeit etwas verquatscht, schrammt zuweilen auch Klischees. Kimmig hat das ordentlich zusammengestrichen zugunsten der Moskau-Geschwister-Geschichte, aber weil er die historische Perspektive schwächt, bleiben lauter Melodrämchen übrig.

Und einige flotte Musiknummern, vor allem aber eine grandiose Parodie auf den McDonalds-Job, den Radiks Schwester Lilja annimmt, um irgendwie zu Geld zu kommen. Goeser gibt den Rhythmus auf der Buschtrommel vor, Makatsch klatscht den Takt, Lillie improvisiert herrlichsten Scat-Gesang, aus dem immer wieder der Name der Burgerbraterei heraussticht, während Morgeneyer schön albern im logoübersäten Pappkostüm tanzt. Von solchen Höhepunkten gibt es allerdings viel zu wenig in den 90 Minuten. Die ATT wollen innehalten und prüfen, welche Stücke zur Wiedervorlage taugen. In dieser Inszenierung können einem bei Nagims Stück Zweifel kommen.


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