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29.06.2014

Berliner Morgenpost: Die Musik ist in Ordnung, nur leider ist es ein Theaterfestival

Zu platt, zu klischeehaft, zu inhaltsarm: Das Festival Foreign Affairs beginnt mit enttäuschenden Inszenierungen

Feiern können sie, die Macher des Berliner Festivals Foreign Affairs. Im Garten hinterm Haus der Berliner Festspiele sind Biertische aufgebaut, ein mobiler Pizzabäcker rotiert in seinem Verkaufsauto. Später in der Nacht werden Käse, Brot und Wein gereicht, umsonst und für alle, während Baby Dee singend das obere Foyer zum Toben bringt.

Was für ein Auftakt, könnte man schwärmen – wenn das Inszenierungs-Triple nicht wäre. Denn das geriet zu Beginn von Matthias von Hartz zweiter Saison als Leiter von Berlins bestausgestattetem Festival für neue, experimentelle Theater-, Tanz- und Popformen ziemlich mau, trotz Bühnenbombast und Star-Schauspielern. Jens Harzer und seine Lebensgefährtin Marina Galic vom Hamburger Thalia Theater wollten sich in jeweils einstündigen Monologen gegenseitig heruntermachen. Am Ende verhandeln sie humorfrei das "Ende einer Liebe". Pascal Rambert hetzt in der Inszenierung seines Textes Mann und Frau aufeinander. Beeindruckend, wie Jens Harzer die Worte umwendet, wie er da steht in schiefer Mackerpose und aus vollen Rohren schießt. Seine Suada voller literarischer Anspielungen wird aber in ihrer Überlänge ebenso schwer erträglich wie in ihrer Klischeehaftigkeit: Der Mann ist der Techniker, der Rationale, der Schlussmacher, die Frau das emotionale, reagierende Wesen, auch: die Gute.

Ein starker Kontrast dann im großen Haus "Van den Vos", eine Koproduktionen vieler bekannter Namen der freien Szene. Filmemacher Josse De Pauw erzählt seine Version von Reinecke Fuchs: Als Sänger ist er Symbol für die Kunst, der sich die Menschen opfern, sich ihr hingeben. Der Wolf, eine Art nüchterner Kommissar, begreift das nicht und schickt immer neue Leute los, um den Fuchs zu fassen. Als er ihm – etliche Tote später – endlich selbst gegenübersteht, erledigt der das selbst – und schon ist der wild wuchernde Garten hinter der riesigen Plexiglaswand verschwunden, zeigt sich die Welt wüst und leer.

Ohne Kunst keine Sinnlichkeit? Das ist ähnlich platt gedacht wie die brutalen Zerfleischungsorgien des Fuchses und die Vorliebe des Kommissar-Wolfs für junge Mädchen. Technisch brilliert der Abend mit Anleihen bei David Lynch und Lars von Trier: Vorne läuft der marmorne Luxus-Pool über, fließend sind die Übergänge zwischen Spielszenen und spektakulären Videos. Mit Viviane De Muynck steht ein echter Star auf der Bühne, großartig in jeder Geste als dekadente Femme fatale. Dazu spielt das Solistenensemble Kaleidoskop Streichmusik zwischen Barock und Pop. Am Ende reibt man sich die Augen: So viel Aufwand für so wenig inhaltlichen Ertrag?

Während andere draußen schlemmen, versammelt sich ein tapferes Häuflein in der Kassenhalle zu "Winners & Losers", ein Dialog zweier Männer darüber, ob Tom Cruise, Pamela Anderson oder Goldman Sachs Gewinner und Verlierer sind. Bald führt das ans Eingemachte, wenn sie über sich selbst diskutieren. In jeder Off-Klitsche wäre das ein sympathischer Abend, hingeschlenzt beim Bier mit den Manuskripten in der Hand. Als Finale eines Festivalauftakts wirkt es intellektuell wie szenisch dürftig.


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