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05.07.2014

Berliner Morgenpost: "Les Enfants Terribles": Hübsch, aber entsetzlich harmlos

Die Komische Oper endet ihre Saison mit einer Kammeroper von Philip Glass

Kinderspiele können ziemlich grausam sein. Das wusste schon Jean Cocteau, der in seinem Roman "Les Enfants Terribles" ("Kinder der Nacht") von 1929 das Geschwisterpaar Paul und Lisa aufeinanderhetzt – in einer Fantasiewelt, in der zwischen Realität und Fiktion nicht mehr zu unterscheiden ist und in die sie ihre Freunde Agathe und Gerard hineinziehen. Stirbt ihre Mutter wirklich, heiratet Lisa den Millionär, sterben die beiden zum Schluss? Oder ist das alles Teil des Spiels?

 

Eine Geschichte, so schwebend doppelbödig wie böse. Philip Glass schrieb gleich mehrere Kammeropern nach Werken Cocteaus. "Les Enfants Terribles", 1996 uraufgeführt, eignet sich ideal für eine Studioproduktion: Drei Pianisten stemmen die Partitur, vier Sänger und ein Erzähler die Geschichte. Ideal für die Komische Oper, um ihr Opernstudio herzuzeigen – und zugleich ihre Kompetenz für die Musik des 20. Jahrhunderts zu schärfen.

Dass die nicht zwangsläufig unzugänglich sein muss, beweist das Haus immer wieder. Da passt Glass gut ins Konzept, der mit "Einstein on the Beach" Musikgeschichte schrieb, später vor allem mit Filmmusiken ("Truman Show", "The Hours") populär wurde. Gebrochene Dreiklänge in endlosen Wiederholungen und Variationen, die, auch wenn sie sich mal rhythmisch verschieben und aneinander reiben, doch immer tonal bleiben – das wogt so schön und tut nicht weh.

Besonders dramatisch klingt's aber auch nicht, zumal bei Dirigent Byron Knutson, unter dessen Leitung die drei E-Pianos gleichmäßig perlen, aber selten zuspitzend aufschrillen. Harmlos bleibt auch Felix Seilers Regie, deren größter Coup es ist, das Publikum auf der Drehscheibe der großen Bühne zu platzieren. Aus der Tatsache, dass dem Haus eine kleiner Experimentierraum fehlt, macht Seiler schöne Perspektivwechsel: Eben noch bewarfen sich die großen Kinder mit Schneebällen vor einer barocken Landschaft, die aus der Ballettproduktion "Don Juan" hängenblieb, schon setzt sich die Drehbühne in Bewegung und man schaut in den Neo-Rokoko-Zuschauersaal – der einmal, als von den prunkvollen Räumen einer Villa die Rede ist, hell erstrahlt.

Solche Ortswechsel gibt's öfter, ansonsten erzählt Seiler die Geschichte ziemlich konventionell im Fundusplunder, hat mit der Figurenzeichnung aber seine Probleme. Katarina Morfa lässt als Lisa ihre Stimme hysterisch flackern und übertreibt gestisch hemmungslos. Wenn er nicht gerade mit ihr balgt, sitzt Bernhard Hansky als ihr Bruder Paul herum, lässt aber seinen Bariton berührend warm strömen. Angenehm zurückhaltend Adela Zaharia und Máté Gál in den Nebenrollen, mit denen Seiler nicht viel anzufangen weiß. Zwischen allen schreitet Uli Kirsch als Erzähler und Verführungsengel umher. In ihm verdichtet sich die Problematik des Abends: hübsch, aber entsetzlich harmlos. Da hat Cocteaus Vorlage entschieden mehr Biss.


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