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13.07.2014

Berliner Morgenpost: Der Traum von "Orfeo"

Eigentlich wollte Sasha Waltz Berlin den Rücken kehren, nun ist sie hier mit so vielen Projekten vertreten wie lange nicht

Manchmal sagen Gesichtsausdrücke mehr als Worte: Als Jochen Sandig, Manager von Sasha Waltz & Guests, davon schwärmt, dass die Zukunft der Oper zunehmend im freien Theater stattfindet, das Geld aber äußerst aufwendig zusammengesammelt werden muss, lässt er sich zu dem Satz hinreißen: "Wir lieben diesen Prozess!" Offensichtlich geht das nicht allen so: Seine Lebensgefährtin Sasha Waltz runzelt die Stirn.

Um Geld ist es zuletzt ziemlich oft gegangen, wenn von Waltz und ihrer Compagnie die Rede war. Spektakulär ihre Androhung im Februar 2013, Berlin verlassen zu wollen, weil Gespräche um eine solide Finanzierung ihrer Arbeit mit dem damaligen Kulturstaatssekretär André Schmitz geplatzt waren. Schon damals fragte man sich, wie das gehen solle, schließlich sind sie und Sandig eng mit dem Radialsystem V verbunden, das man schlecht einpacken kann. Statt der Abwanderung streckte sie sich nach der Decke: Sie passte die Strukturen der Förderung an, entließ 13 Tänzer, behielt nur drei Repetitorenstellen und 19 Stellen für die künstlerische Leitung und das Betriebsbüro.

Für Waltz und ihren Traum von einem durchfinanzierten Tanzzentrum mag das bitter sein – die Berliner Waltz-Fans betrifft das vorerst nicht. Die kommende Spielzeit wirkt eher, als hätte die Stadt Waltz-Festspiele ausgerufen: Derart viele Arbeiten der Choreografin waren hier schon lange nicht zu sehen. Im Oktober zeigt ihre Compagnie im Radialsystem "Travelogue I – Twenty to eight", im November im Haus der Berliner Festspiele "Jagden und Formen (Zustand 2008)". Eine erste Berlin-Premiere folgt im April 2015 – da übernimmt die Deutsche Oper "Roméo et Juliette" von Hector Berlioz ins Repertoire, die Waltz für die Pariser Oper inszenierte. So entsteht eine interessante Konkurrenzsituation zur Staatsoper ein paar hundert Meter weiter. Zwischen Daniel Barenboims Haus, der seine Wertschätzung für die Choreografin stets betonte, und Waltz hat sich seit der Erfolgsproduktion "Dido & Aeneas" vor zehn Jahren eine enge Arbeitsbeziehung ergeben. Sie wird auch jetzt mit den Wiederaufnahmen der Waltz-Produktionen "Tannhäuser", "Matsukaze" und "Sacre" fortgeführt.

Und mit Claudio Monteverdis "Orfeo". Beim Gespräch über Waltz' Inszenierung, die im September in Amsterdam Premiere feiert und nach einigen Umwegen am 1. Juli 2015 an die Berliner Staatsoper kommt, soll es eigentlich nur um Kunst gehen. Doch dann wirkt die Frage nach der Finanzierung, nach Förderung und Strukturen wie ein roter Faden. Denn "Orfeo", die erste Oper der Musikgeschichte, wird komplett frei von Sasha Waltz & Guests produziert. Eine Summe will Sandig ausdrücklich nicht nennen. Fest steht: Das Risiko, das die Produzenten eingehen, ist immens, schließlich handelt es sich bei den gut 60 Beteiligten um ausgewiesene Fachleute und prominente Namen wie das Freiburger BarockConsort, Dirigent Pablo Heras-Casado und die Mezzosopranistin Charlotte Hellekant.

Eigentlich wirkt Waltz entspannt, wie sie da im Glaskubus des Radialsystems auf der Couch sitzt in halblangen Hosen und einem roten, fluffigen Oberteil mit raffiniert geschlitzten Ärmeln, die ihr gelegentlich über die Schultern rutschen. Aufrecht sitzt sie, wie immer, die Haare sind streng zurückgebunden. Aber als es ums Risiko, um den Aufwand geht, wird Waltz bestimmt und sagt mit Nachdruck: "Das ist unsere letzte freie Opernproduktion. Wir wollen uns nichts vormachen: Wir sind kein Opernhaus."

Möglich wird das Projekt nur mit Geld von der Kulturstiftung des Bundes und der Lottostiftung, außerdem hat das Produktionsteam zahlreiche große Häuser als Koproduktionspartner ins Boot geholt – neben Amsterdam und Berlin das Theater in Luxemburg, die Oper in Lille und das Internationale Festival Bergen. Es wirkt wie eine Ansage in Richtung Berlin: Ich zeige, dass ich's kann, aber auch, was euch in Zukunft entgehen wird. Dass die illustre Riege der Kooperationspartner einstieg, sei keine Selbstverständlichkeit, betont Orpheus-Sänger Georg Nigl: "Es ist nicht so, dass Sasha mit einem Projekt kommt und alle schreien Juhu!" Ein Problem, das viele Stars der Branche haben: Auch Andrea Breth, mit der er gerade an Wolfgang Rihms "Jakob Lenz" arbeitet, habe fünf Jahre gebraucht, um das Geld für die Produktion zusammenzubekommen.

Es steckt also viel Idealismus in dem Projekt. "Seit ich sie kenne, seit 21 Jahren, hat Sasha den Traum vom 'Orfeo'", sagt Sandig. Die Choreografin selbst schwärmt von den Facetten des Werks, seinen unterschiedlichsten Emotionen und Bildern. Ein Blick in die Proben, die gerade in der heißen Phase stecken, macht Lust auf mehr: In der ehemaligen Maschinenhalle des Radialsystems steht das Bühnenbild aus hellem Holz – ein hohes Portal, das seine Schotten nach hinten auf eine Projektionsfläche öffnet, wo ein doppelt belichteter Wald prangt. Es stammt von Alexander Schwarz, lange Jahre Architekt bei David Chipperfield und maßgeblich für den Umbau des Neuen Museums verantwortlich.

Davor umkreisen sich die zwei Hirten, die die tote Eurydike und den am Boden zerstörten Orpheus betrauern. Zwei Tänzer doppeln sie, klappen vor Schmerz vornüber in sich zusammen. Über allem schweben die Stimmen des Vocalconsorts Berlin, die, obwohl im Probenmodus, höchstes Alte-Musik-Glück verheißen. In ihnen deutet sich eine andere Berliner Konkurrenzsituation an: Gegründet wurde das Vocalconsort einst für Barry Koskys "Orfeo"-Inszenierung an der Staatsoper 2004. Acht Jahre später startete Kosky mit einer völlig neuen Interpretation unter dem deutschen Titel "Orpheus" seine Intendanz an der Komischen Oper.

Es gehe ihr nicht einfach darum, die Sänger zum Tanzen zu bringen, sagt Waltz. "Das entsteht aus der Szene, der Situation, der Musik!" Jetzt wirkt sie nicht mehr so bestimmt, ringt vielmehr um die richtigen Worte. Die Frage nach dem Geld scheint plötzlich sehr fern.


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