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03.08.2014

Berliner Morgenpost: So nah war Rolf Hochhuth dem Dschungelcamp noch nie

Man kann es ihm nicht recht machen. Endlich darf Rolf Hochhuth das Berliner Ensemble bespielen. Doch dann rät er selbst davon ab. Die Inszenierung seines "Sommer 14" ist aber wirklich nicht zu retten.

So nah wie in diesem Jahr war Rolf Hochhuth dem Dschungelcamp noch nie. Zwar hatte das Spektakel, das der Dramatiker alljährlich veranstaltet, um seine vertraglich zugesicherte Bespielung des Theaters am Schiffbauerdamm durchzusetzen, schon immer alle Zutaten von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus": Krawall und Psychokrieg, ausgewählte B- und C-Promis auf der Bühne, die vollkommene Abwesenheit von Würde. Klar schämt man sich als Zuschauer fremd, aber wegschalten kann man irgendwie auch nicht.

In diesem Jahr stehen mit Mathieu Carrière und Caroline Beil sogar zwei Camp-Absolventen auf der Bühne. Ansonsten geht's verhältnismäßig gesittet zu: Der peinliche Kleinkrieg zwischen Hochhuth, dem über die Ilse-Holzapfel-Stiftung das Theatergebäude gehört, und Claus Peymann, Intendant des darin residierenden Berliner Ensembles, entfiel. Aber irgendwas ist ja immer, vor allem bei Choleriker Hochhuth, diesem Rumpelstilzchen des deutschsprachigen Theaterbetriebs: Weil er sich mit dem eigentlichen Regisseur für sein Antikriegsstück "Sommer 14. Ein Totentanz" verkrachte, sprang vier Wochen vor der Premiere Torsten Münchow ein, verdienter Schauspieler bei Film und Boulevard. Als Regisseur war er bislang kaum aufgefallen.

Bei der Premiere ließ sich Hochhuth nicht blicken

Noch vor knapp zwei Wochen hatte Hochhuth Münchow in der Morgenpost sein vollstes Vertrauen ausgesprochen, direkt vor der Premiere distanzierte er sich in einer Pressemitteilung: "Nie wurde ein so oft inszeniertes Stück von mir derart verhunzt, verjuxt, wie von dem jetzigen Regisseur!" Vermutlich meint er das ernst. Schließlich bezahlt er den Spaß aus eigener Tasche. Bei der Premiere von "Sommer 14" jedenfalls ließ er sich nicht blicken.

Dabei hatte er erst vor fünf Jahren in der Urania bewiesen, dass er selbst als Regisseur den Brocken nicht retten kann. "Sommer 14" ist ein besserwisserisches Textungeheuer, ein Erklärstück ohne dramatischen Bogen, in dem die Dialoge arg an Informationsüberfülle und Banalitäten kranken und Hochhuth in Prosa-Einschüben auch noch dem letzten Leser erklärt, was er sich bei alledem zu denken habe. Münchow hat die 400 Seiten auf gute zwei Stunden eingedampft – plus Pause.

Die Regenten in einem Spa für europäische Elite

Aber auch das hilft nur bedingt, wenn außer bemühtem Textaufsagen nicht viel geschieht. Münchow hat die Handlung in eine Art Spa für die europäische Elite verlegt, eine Flokatilandschaft im Glaskubus, wo die Herrschaften in weißen Bademänteln und Laken herumspazieren, einander amüsiert beobachten und belauschen. Zur Betreuung gibt's einen Masseur und Udo Walz.

Hier also verhandeln Englands König und Österreichs Kaiser, Deutschlands Wilhelm II. und seine Generäle, der Chemiker Fritz Haber und seine pazifistische Frau über Krieg und Frieden, Moral und Niederlagen. Dazwischen legt irgendwer irgendwen um, die Toten fallen hinten von der Bühne, die anderen schauen neugierig hinterher.

Schauspieler stolpern orientierungslos durch die Dialoge

Hochhuth will zeigen, dass Krieg nicht ausbricht, sondern gemacht wird. Aber die Maschinerie, mit der alles auf die Katastrophe zuläuft, kommt nie in Gang, weil die vielen Schauspieler – die meisten sind aus Film und Fernsehen bekannt – so orientierungslos durch ihre Dialoge stolpern, dass man nach wenigen Worten schon das Interesse verliert. Am schlimmsten bei Ottfried Fischer, der nachweislich nur bei einer Probe anwesend war und nun als Kaiser Franz Joseph derart verschusselt vor sich hinnuschelt und stottert, dass es eine Qual ist.

Dabei gibt's sogar starke Momente. Den Tod spielt Diana Körner, die als junge Frau mit Stanley Kubrick drehte und nun einen altmodischen, aber wirkungsvollen Tragödinnenton anstimmt. Die zwei Monologe der Nachwuchsschauspieler Maike Knirsch und Timothy Stachelhaus fallen in ihrer klaren Art heraus; Mathieu Carrière wagt gar eine Wilhelm-II-Interpretation, die eher an einen depressiven Cäsar als an den deutschen Chauvinisten-Kaiser denken lässt. Szenische Tropfen, die in der Textwüste dieses Steh- und Erklärtheaters folgenlos verdampfen.


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