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24.07.2014

zitty: Volkstheater im besten Sinne

Das Maxim Gorki Theater brilliert unter neuer Leitung – ein Rück- und Ausblick

Mit dem Wort Theaterwunder sollte man sparsam umgehen. Zumal nach der ersten Spielzeit eines neuen Teams. Aber das, was Shermin Langhoff und Jens Hillje seit November am Maxim Gorki Theater geschaffen haben, grenzt zumindest an eines. Als ihre Berufung vor gut zwei Jahren bekannt wurde, stieß sie auf einige Skepsis: Braucht Berlin eine große Kopie des Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße, das Langhoff bis dahin erfolgreich leitete?

Die Skepsis verebbte, je intensiver die beiden Leiter Berlins Theaterszene aus ihrem kleinsten Staatstheater der Stadt heraus umkrempelten. Mit einem Programm, das ungewohnt offen auf Emotionen setzt, auf Identifikation, auf Geschichten, die man auch ohne Vorkenntnisse versteht. Kurz: Volkstheater im besten Sinne. Zumal eines, bei dem das Wort Volk nicht national missverstanden werden kann, schließlich arbeiten hier Künstler zusammen, die ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion und dem einstigen Jugoslawien haben, in Israel, der Türkei und Deutschland, die aus unterschiedlichen Theatertraditionen kommen, um am Gorki etwas Neues zu schaffen.

Das passt zu Berlin, das schon immer ein migrantischer Schmelztiegel gewesen ist. Dennoch ist das Gorki keine Naunynstraßen-Kopie. Das wäre mit Jens Hillje auch kaum zu machen gewesen, der aus seinen Schaubühnen-Zeiten die Kontakte zu Regisseuren wie Yael Ronen, Sebastian Nübling und Falk Richter mitbrachte. Ronens „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ und „Common Ground“, Nüblings Sybille-Berg-Abend „Es sagt mir nichts, das unbekannte Draußen“ und Falk Richters Coming-Out-Ballade „Small Town Boy“ gehören zu den besten Abenden der Saison – und das deutschlandweit.

Aber auch Shermin Langhoff hat ihren Stempel hinterlassen: Hakan Savas Mican, der mit „Schwimmen lernen“ von Marianna Salzmann durchstartete und zum Spielzeitfinale seine zärtliche Ausdeutung von Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“ beisteuerte, hat wegen ihr überhaupt zum Theater gefunden. Wie die meisten Gorki-Regisseure steht auch er für etwas, das man weniger als postmigrantisches (so das Schlagwort, dass Langhoff für die Naunynstraße geprägt hatte), sondern als postironisches Theater bezeichnen könnte. Natürlich gehören Witz und Verfremdung, Ironie und Slapstick weiterhin zu den verwendeten Mitteln – unter vielen anderen. Aber die Gorki-Inszenierungen zehren darüber hinaus von einem unironischen Glutkern, einer Botschaft, die sie dem Publikum mal mehr, mal weniger deutlich, aber immer direkt und emotional entgegenschleudern. Nach all der poppigen, flächendeckenden Dauerironie tut das ziemlich gut.

Dass das neue Maxim Gorki Theater die Stadttheatersolidität von Volker Hesse mit der Experimentierfreude von Armin Petras versöhnt, liegt zudem an einem Ensemble, das mit seiner Qualität überrascht – gerade in der Vielfalt seiner Biografien und Stile. So bunt wie sie und die Geschichten ist auch das Publikum – in den durchgehend Englisch übertitelten Repertoirevorstellungen hört man im Foyer schon mal Russisch, Türkisch, Englisch und Ivrit. Der Publikumserfolg lässt sich beziffern: Die Auslastung liegt bei knapp 90 Prozent.

In die neue Saison startet das Gorki im September mit alten Erfolgsgaranten: Sebastian Nübling inszeniert zusammen mit dem Choreografen Ives Thuwis das Tanztheater „Fallen“ als Open-Air-Spektakel vor dem Theater, um im Oktober mit einem „Nibelungen“-Abend frei nach Hebbel nachzulegen. Yael Ronen widmet sich ihrer „Erotic Crisis“, Nurkan Erpulat inszeniert Joe Ortons schwarze Komödie „Seid nett zu Mr. Sloane“, die „Radikal jung“-Gewinnerin 2013 Babette Grube ein neues Stück von Hausautorin und Studio-Leiterin Marianna Salzmann. Und dann, im Januar, stößt ein alter Berliner Bekannter dazu: Sebastian Baumgarten inszeniert Heiner Müllers „Zement“. Postironisch natürlich.


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