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03.09.2014

Berliner Morgenpost: Was Leander Haußmann vom Kino auf die Bühne mitbringt

Leander Haußmann passt in keine Schublade. Er macht Theater, dreht Filme und schreibt Bücher. Und zum Spielzeitauftakt inszeniert er "Woyzeck" am Berliner Ensemble - und verteidigt das Haus vehement.

In Europa herrscht Krieg. Zum Gespräch, in dem es um die "Woyzeck"-Premiere am Sonnabend im Berliner Ensemble gehen soll, erscheint Leander Haußmann mit einer Boulevard-Zeitung unterm Arm mit der Schlagzeile "Putin greift nach Europa!". "Hätten Sie gedacht, dass Sie das mal lesen müssen?", fragt er. "Wobei: Befürchtet habe ich das schon immer." Und schon sind wir beim Thema Krieg – und nah dran an Georg Büchners Woyzeck, der Soldat ist. "Die Kriege in der Welt werden heute von Söldnern bestimmt. Junge Menschen, die sonst an der Tankstelle abgehangen hätten, haben zum ersten Mal im Leben ein Ziel."

Woyzeck, der von seinen Vorgesetzten erniedrigt und von seiner Freundin Marie betrogen wird, ist für Haußmann ein orientierungsloser Mensch, der sich eine Struktur sucht und von ihr in die Isolation getrieben wird. "Der Krieg ist etwas Animalisches, Vor-Zivilisatorisches. Bei Woyzeck bricht das in seinem Amoklauf durch: Er tötet das Letzte, an dem er hängt, weil es ihm vorher schon genommen wurde." Seine "erste konkret politische Arbeit" nennt er den "Woyzeck". Peter Miklusz spielt die Titelrolle. "Ist", korrigiert Haußmann, "bei ihm kann man das wirklich so sagen. Jedenfalls, wenn er unter Druck gerät. Und dafür sorge ich."

Berühmt geworden ist Haußmann im Kino, mit "Sonnenallee", "Herr Lehmann", zuletzt mit der schrägen Berlin-Satire "Hai-Alarm am Müggelsee". Dass er eigentlich vom Theater kommt, war zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geraten – acht Jahre dauerte seine Bühnenabstinenz. Jetzt ist er wieder da – nach "Rosmersholm" an der Volksbühne und "Hamlet" am BE ist "Woyzeck" schon seine dritte große Produktion nach der Pause – eine Zeit, über die er sagt: "Meine abwechselnde Arbeit beim Theater und beim Film ist eine Win-Win-Situation, ein Joint-Venture, weil sich die Bereiche gegenseitig befruchten. Die Gefahr bei künstlerischer Arbeit ist ja, dass man irgendwann nur noch zur Arbeit geht. Dann muss man mal aufhören, Abstand gewinnen."

Dass sich beide Bereiche befruchten, sieht man Haußmanns Arbeiten an. Beim Film hat er gelernt, an einer Geschichte dranzubleiben, einen emotionalen Bogen über die Hauptfigur zu spannen, Identifikationsangebote zu machen, nicht vor dem Spektakulären zurückzuschrecken. Seinem "Hamlet" etwa sieht man das Filmische deutlich an: Es dröhnt und donnert, Nebel wabert, diffus strahlt das Licht von hinten und wirft lange Schatten. Ein Spektakel voller Zooms, Schwenks und Überblenden, Schwertkämpfen und Rockstar-Posen. "Warum sollte man nach Quentin Tarantino noch zögerlich sein?", fragt er – und findet, dass Blut eine ziemlich sinnliche Angelegenheit ist.

Dabei gilt die Befruchtung ebenso umgekehrt, denn filmisch inszeniert hat Haußmann schon immer. Weil er das Staunen will: "Das ist nicht Effekthascherei, sondern Faszination des Spielerischen", sagte er schon vor 20 Jahren, als er als einer der Hoffnungsträger im deutschsprachigen Theater galt. Legendär seine Münchner "Romeo und Julia"-Inszenierung von damals – selten wurde bedingungsloser auf der Bühne geliebt, schrieben damals die Kritiker.

Mit 55 Jahren ist seine dunkle Lockenpracht grau und etwas schütter geworden, aber die Leidenschaft fürs Theater durchpulst ihn immer noch. Für ein Theater jenseits der Moden, das als Kunst seine Berechtigung hat und auch mal scheitern darf: "Kunst begeht für uns die Sünden, die wir uns im Alltag versagen." In seiner Männlichkeit, in seiner Lust, für die Kunst, aber auch für Meinungen abseits des Mainstreams zu streiten, mit seinen dick beringten Händen, an denen auch ein silberner Totenkopf prangt, wirkt er wie ein Renaissance-Fürst, milde den Freunden, wütend den Feinden gegenüber.

Haußman passt in keine Schublade. Unter den Konservativen zählt er zu den Revoluzzern, im Theaterbetrieb gilt er als hemmungsloser Spieler, der keinen Effekt auslässt. Einer, der Theater macht, um eine Geschichte zu erzählen, nicht wegen einer These. "Ich war immer fasziniert von Leuten mit einer klaren Aussage", erzählt er, "aber ich glaube nicht daran. Da halte ich es mit Frank Castorf, der gesagt hat: In dem Moment, wo jemand ein Gesetz aufstellt, bin ich ein Gesetzloser."

Wenn man mit Haußmann spricht, merkt man schnell, wie sehr er am Theater zu Hause ist – als Sohn eines Schauspielers und einer Bühnenbildnerin kennt er den Betrieb seit seiner Kindheit. Als es darum geht, einen Ort fürs Foto zu finden, schlägt er eine Loge im Saal vor. Dort ist es dunkel, also ruft er ins Leere: "Hier ist Leander. Könnt ihr mal mehr Licht machen?" Innerhalb kürzester Zeit erstrahlt der Saal. Am wohlsten fühle er sich unter Schauspielern in der Kantine, sagt er einmal, und man glaubt es ihm aufs Wort.

Wenn die "Woyzeck"-Premiere vorüber ist, setzt er sich wieder an seinen Roman "Das blöde Leben". Haußmann will "zusammenfassen, wer wir waren, als wir jung waren", damals in der alternativen Szene der DDR, in der Prenzlauer-Berg-Bohème. Zeitgleich schreibt er an einem Drehbuch, das das Thema aus Sicht der Stasi schildert.

Nach zu viel Freizeit klingt das nicht. Könnte er sich dennoch vorstellen, nach seiner Bochumer Intendanz von 1995 bis 2000 noch einmal ein Haus zu übernehmen, etwa das BE? "Ich kann mir alles vorstellen", sagt er. Um dann doch einzuschränken: "Ich kann mir vorstellen, ein Ensemble aufzubauen und das Gesicht des Hauses zu sein. Aber Ökonomie und Kunst müssten getrennt sein." Anders als bei Claus Peymann, den er bewundert und verteidigt: "Peymann gehört neben Castorf und Flimm zu denen, die die Theaterlandschaft aufrechterhalten, nachdem man Leute wie Peter Stein vertrieben hat. Wenn er das Haus mal übergibt, steht es finanziell auf sehr soliden Füßen. Deshalb sollte man sich die Lobeshymnen auf ihn nicht bis zu seinem Tod aufheben."

Auch Peymanns Haus verteidigt er vehement gegen die Kritiker. "Ich arbeite gerne hier, weil es beim Feuilleton in Ungnade gefallen ist. Das BE ist was vollkommen anderes als die Experimentierküchen in Berlin. Das steht da wie eine Oma. Da Popsongs zu spielen, macht schon wieder Spaß." Als Haußmann, der sich selbst als "Brechtianer" bezeichnet, dann ein zukünftiges BE skizziert, klingt es allerdings so, als hätte er sich über eine mögliche Intendanz schon eingehender Gedanken gemacht: "Das Haus könnte sich in der Brecht-Tradition, eine moralische Botschaft mit Mitteln der Unterhaltung und des Volkstheaters zu erzählen, gut in der Berliner Theaterlandschaft positionieren." Und das mit einem neuen Schauspielertypus: "Die Leute sollten nicht wegen der Stars, sondern wegen des Ensembles kommen." Einem Ensemble, dass das Haus praktischer Weise schon im Namen trägt.


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