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04.09.2014

Berliner Morgenpost: Ungemütliche Geisterbeschwörung

In der Staatsoper führt Christoph Marthaler in "Letzte Tage. Ein Vorabend"Antisemiten vor. Dazu erklingt Musik jüdischer Komponisten, die wie ein später Triumph über die Hassredner wirkt.

Man muss sich den Zuschauerraum des Schiller-Theaters als klassizistischen Prunksaal vorstellen: Lebensgroße Skulpturen tragen den Rang, die Wände glänzen von Marmor und goldenem Stuck, davor runden sich gediegene Sitzbänke, deren Leder und Holz ordentlich Patina angesetzt haben. Denn uraufgeführt wurde Christoph Marthalers "Letzte Tage. Ein Vorabend" bei den Wiener Festwochen 2013 im alten Parlamentssaal in Wien, das prächtiger als manches Opernhaus ist. Weil damals die Zuschauer auf die leeren Abgeordnetenreihen schauten, blickt das Publikum auch jetzt in Berlin von der Bühne aus ins Parkett, wo Bänke fehlen, Gänge eingerichtet wurden, Instrumente stehen. Der Rang ist mit Plastikplanen bedeckt, im Saal steht ein Gerüst herum. Die Demokratie – eine ewige Baustelle.

Intendant Jürgen Flimm hat in seiner Intendanz schon etliche Produktionen an die Staatsoper geholt, die die Brücke zum Schauspiel (und damit zum Interimsspielort) schlagen: Katie Mitchell interpretierte hier Samuel Beckett und Morton Feldmann, in anderen Produktionen standen Schauspieler wie Ben Becker und Ulrich Matthes auf der Bühne. Aber keiner dieser Abende bewies die Sinnfälligkeit des Crossover so sehr, traf derart ins Herz wie diese knapp zweieinhalb pausenlose Stunden dauernde ungemütliche Geisterbeschwörung.

Ungemütlich, weil die Geister, die Marthaler ruft, ziemlich böse sind: Antisemiten, Alltagsrassisten, Naziverklärer sitzen und stehen zwischen den Parlamentsbänken herum und schwadronieren. Bevor sie in seriösem Dreiteiler und Kostüm zu bitterer Hochform auflaufen, ziehen die Herren als Karnevalsclowns ein, die Frauen als Truppe von "Raumpflegefachkräften", die das historische Gebäude für ein Konzert reinigen sollen. Sie finden neben Müll auch Notizfetzen über jüdische Komponisten und ihre Werke, kurz bevor sie deportiert wurden, nach Theresienstadt etwa, und später im Gas ermordet wurden.

Auch deren Geister sind gegenwärtig, weil die sechsköpfige "Wienergruppe" in 30er-Jahre-Kostümen ihre Werke spielt, die einen in ihrer mal spröden, mal eingängigen Schönheit unmittelbar angreifen. Man ahnt, unter welchen Umständen diese Werke entstanden sein müssen, wenn währenddessen Titel und Entstehungsjahr eingeblendet werden und man Jahreszahlen wie 1943 und 1944 liest. Man hört es, weil die Besetzung – neben Violine, Viola und Bass auch Harmonium, Klarinette und Akkordeon – jenen Instrumenten nachspürt, die in Theresienstadt zur Verfügung standen. Und man zuckt zusammen unter dem glutvollen, leidenschaftssatten Strich, den Sophie Schafleitner im ersten Satz von Ernest Blochs "Baal-Shem" ihrer Violine entlockt oder der Zärtlichkeit, die Mezzospranistin Tora Augestad in Viktor Ullmanns Lied "Claire Vénus" findet.

Ursprünglich sollte es in "Letzte Tage" um den Vorabend des Ersten Weltkriegs im österreichischen Reichstag gehen. Marthaler aber skizziert ein Abgeordnetenhaus, das so auch heute oder in Zukunft existieren könnte: Clemens Sienknecht hält einmal eine fiktive Rede, in der er eine Dystopie zeichnet eines Europa, das Antisemitismus längst als Weltkulturerbe anerkannt, die Gesellschaft fest in zwei Klassen eingeteilt hat und das Ganze auch noch als Menschenrecht verkauft.

Das bewegt die mal randalierenden, mal mit ihren Fingernägeln beschäftigten Parlamentarier ebenso wenig wie die antisemitische, Roma als Tiere verunglimpfende Brandrede eines Victor Orbán, die sie schlicht verschlafen. Dabei knarzt Ueli Jäggi seine Rede derart finster vom Baugerüst, dass einem der Atem stockt. Wer hier ans reaktionslahme EU-Parlament denkt, liegt vermutlich nicht verkehrt. Schließlich fallen Sätze wie: "Wir sind Demokraten, wir brauchen keine Opposition." Hätte da in Brüssel nicht jemand hellhörig werden müssen?

So wie bei der FPÖ-Politikerin, die dummdreist begründet, warum "Neger" für sie kein Schimpfwort ist. Dann jodelt sie, dass es kracht. Noch eindrücklicher wirkt der Wiener Bürgermeister Karl Lueger, ein flammender Antisemit des späten 19. Jahrhunderts, dessen Rede Josef Ostendorf dem Publikum mit seiner unheimlichen Samtstimme ins Ohr träufelt. Nah dran an Berliner Verhältnissen ist Bettina Stuckys "Eine verstörte Weltoffene", die nichts gegen Ausländer hat, ihre Kinder aber dennoch nicht mit ihnen auf eine Schule schicken mag.

Natürlich ist Marthaler viel zu klug, den Abend zum Eindeutigkeitskabarett, zum Abnicke-Event der politischen Korrektheit verkommen zu lassen. Dafür legt er schon früh vieldeutige Verstörungsspuren: Mal lässt er seine Schauspieler zur Musik mit den Händen wackeln, als wollten sie ihren Nagellack trocknen lassen oder sagen: Wer weiß, wer weiß. Mal wickelt sich Thomas Wodianka, mittlerweile einer der profiliertesten Köpfe im Ensemble des Gorki Theaters, in eine der Abdeckplanen ein. Mal kommen sie alle mit weißgeschminkten Gesichtern und in blassen Kitteln wieder, setzen sich in den Rang, wechseln die Plätze – unstete Geister, die ihre Ruhe nicht finden können.

Außerdem nimmt im zweiten Teil die Musik den weitaus größeren Raum ein, was wie ein später Triumph über die Hassredner wirkt. Ein Selbstbetrug, wie der Schluss suggeriert: Da singen die Schauspieler Mendelssohn Bartholdys "Wer bis an das Ende beharrt, der wird selig" aus dem "Elias", das Orchester stimmt singend ein, beide ziehen aus dem Saal. Von draußen tönt es noch lange wie eine süße Erinnerung herein. Wenn man die Worte und den Holocaust zusammen denkt, ist dieses Ende so bitter, dass es nicht wundert, warum der Applaus derart verhalten ausfiel.


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