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08.09.2014

Berliner Morgenpost: Soldaten, die in Zeitlupe auf Ballontierchen reiten

Saison-Auftakt am Berliner Ensemble: Es herrscht Krieg in Europa – und auch in Leander Haußmanns "Woyzeck"-Inszenierung. Mit Georg Büchners Drama hat das nicht immer zu tun.

Potentat ist ein schweres Wort. Vor allem für jemand mit Sprachstörung. Wenn Traute Hoess als Narr mit strähnig rotem Haar und geschmacklosem Schulterpolster-Oberteil an die Rampe schlurft, um auf dem Jahrmarkt das astronomische Pferd anzukündigen, dann stolpert sie so oft über dieses Herrscher-Wort, dass mehr als einmal Putin-tat dabei herauskommt.

Es herrscht Krieg in Europa – und in Leander Haußmanns "Woyzeck"-Inszenierung am Berliner Ensemble. Im Gleichschritt stampft eine gut 30-köpfige Truppe in Kampfmontur und Maschinengewehren über die Bühne. Ihr Marschtakt gibt dieser Inszenierung den Rhythmus vor, ihr hierarchisches Gefüge die Ordnung, in der Woyzeck Halt sucht – und untergeht.

Klar, die Szene mit dem Hauptmann, der Woyzeck beim Rasieren runterputzt, gibt's schon in Georg Büchners Dramenfragment von 1836/37. Bei Haußmann wird daraus eine surreale Lachnummer, Woyzecks Amoklauf-Traum, eine wunderkomische Rachearie zu Rossinis virtuosem Figaro-Gesang. Für die eigentliche Erniedrigung ist hier die gesamte Truppe zuständig, jederzeit einsatz-, also: gewaltbereit. Da zwingen die Kameraden Woyzeck den Erbsenbrei des Doktors mit einer großen Kelle rein, dass es spritzt, und Woyzeck muss die Sauerei auch noch selbst aufwischen.

Es sind meist wortlose, mit viel Fantasie dem Büchnerschen Szenenreigen abgetrotzte Bilder wie diese, die Haußmanns "Woyzeck" prägen. Große Tableaus, die Stimmungen malen und zugleich Mechanismen deutlich machen, sie mal poetisch zuspitzen, mal surreal erweitern. Auf dem Rummel zum Beispiel, als der Tambourmajor Marie aufs Karussell holt – da dreht sich die Bühne, wo die Soldaten in Zeitlupe auf Ballontierchen reiten. Woyzeck denkt verblüfft nach: Wie sein Liebchen zurückerobern? Dann kauft er zwei Mal Zuckerwatte – und muss bestürzt mit Ansehen, wie die Windmaschine sie gleich wieder in Staub verwandelt.

Starke, oft eigenwillige Setzungen sind das, die merkwürdig mit Woyzecks Liebesdrama kontrastieren, in denen der Aus-Versehen-Philosoph zum braven GI und freundlichen Idioten schrumpft. Natürlich sind Woyzeck und Marie einfache Leute, aber muss man Marie deshalb aufs brünftige, eitle Weibchen in Signalrot reduzieren (Johanna Griebel bleibt ganz Projektionsfläche männlicher Begierden) und aus Woyzeck einen Langsamdenker machen?

Wobei durchaus fasziniert, wie Peter Miklusz spielt, wenn Woyzeck etwas dämmert. Weil sich dann das Räderwerk seiner Gesichtsmuskulatur allmählich in Gang setzt – ein Moment, der in seiner Kreatürlichkeit ebenso berührt wie der Stolz, Marie seinen Sold übergeben zu können. Miklusz, der selbst mal bei der französischen Fremdenlegion war, erzählt äußerst beredt mit seinem durchtrainierten Körper – am Ende nackt und bloß.

Aber mit Büchners dialektgefärbter, expressionistischer Sprache fremdelt er selbst dann, wenn er sich wütend in sie verbeißt. Da geht es ihm nicht anders als den meisten seiner Kollegen. Offensichtlich will Haußmann den Ton runterkühlen ins Heute. Aber das geht schief. Allein Traute Hoess als Doktor, Ausrufer und Großmutter findet die richtige Balance aus Sprechmechanik und Stolpersteinen.

Am Ende wird's brechtisch: "Was gafft ihr? Bin ich ein Mörder? Guckt euch selbst an!", schleudert Woyzeck dem Publikum entgegen. Ein starker Schluss – nach einigen Durststrecken in den zwei pausenlosen Stunden, weil sich Büchner mit tollen Bildern allein nicht erzählen lässt.


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