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15.10.2014

Berliner Morgenpost: Polina Semionova spricht über ihre Rückkehr nach Berlin

Vor zwei Jahren verließ Startänzerin Polina Semionova das Staatsballett, nun arbeitet sie wieder dort. Wie stark sie sich an die Stadt binden wird, hängt maßgeblich vom Staatsballett-Chef Nacho Duato ab.

Wenn es in der heutigen Ballettwelt einen Star gibt, dann Polina Semionova. Ihr Aufstieg war kometenhaft: Mit 17 engagierte sie Vladmir Malakhov von der Schule weg als Solistin ans Berliner Staatsballett, wo sie die großen klassischen Rollen tanzte. Kritiker priesen ihre makellose Technik und ihren beseelten Ausdruck, das Publikum liebte ihre natürliche Anmut. Berühmt über die Grenzen der Tanzwelt hinaus wurde sie durch das Video zu Herbert Grönemeyers Song "Letzter Tag", das sie allein auf der leeren Staatsopernbühne zeigt. Mit Bastien Vivès' genialer Graphic Novel "Polina" schließlich ging sie in die Kunst und Literatur ein.

Insofern ist es verständlich, dass ihre Rückkehr dem Staatsballett nicht nur eine Meldung, sondern auch eine Pressekonferenz wert ist. Denn Semionovas überstürzter Abschied vom Ensemble vor zwei Jahren erzählt ebenso wie ihre neue Position als erste Gastsolistin über den Zustand von Deutschlands größter Tanzcompagnie und Berlins einzigem klassisch geschulten Ballettensemble. Gerade weil sie weltweit ein Star ist, war ihr Abschied von Berlin für die Tanzwelt ein Schock – und ein Signal.

Dass sie vor zwei Jahren kündigte und damit ihren Vertrag, der bis 2013 ging, zu Makulatur werden ließ, hat vor allem mit ihrem Entdecker zu tun. Unter Malakhov dominierte das klassische Ballett, der Spitzentanz. Semionova ist keine Diva, sondern eine Künstlerin, ernsthaft und konzentriert, die ein ausgeprägtes Gespür für künstlerische Entwicklungen besitzt. Weltweit suchte sie sich die interessantesten Projekte aus und tanzte in Arbeiten so unterschiedlicher Choreografen wie Jiří Kylián, John Neumeier und auch William Forsythe – alles Handschriften, die Malakhov nicht zugelassen hatte.

Natürlich hat ihre Rückkehr nach Berlin auch etwas mit der Stadt zu tun. Hier lebt sie mit ihrem Mann Mahmet Yümak, der im Ensemble des Staatsballetts tanzt. Hier unterrichtet sie als Professorin an der Staatlichen Ballettschule Berlin. "Hier habe ich ein Leben", wie Semionova sagt, im Gegensatz zu all den Städten weltweit, in die sie nur zum Arbeiten fliegt. New York, München, Russland, alles wichtige Stationen, aber: "Es ist noch toller, hier zu tanzen."

Dass sie es auch wirklich tut – das erste Mal von Freitag bis Sonntag als Solistin in Maurice Béjarts "Boléro" im Tempodrom – liegt an Nacho Duato. Sie schätzt ihn als Choreografen, suchte sich auch schon mal ein Ensemble extra deshalb aus, um mit ihm arbeiten zu können. Bei der Pressekonferenz im Foyer de Danse in der Deutschen Oper schieben sich Semionova und Duato erwartungsgemäß gegenseitig die Komplimente zu. Er preist ihre künstlerische Persönlichkeit und wie einfach es sich mit ihr Arbeiten lässt (keine Selbstverständlichkeit bei Startänzern). Sie betont, wie sehr sie ihn als Künstler schätzt. Dennoch wird deutlich, dass seine Umarmung etwas raumgreifender und entschiedener ist als ihre: Während er darauf hofft, dass die Termine dieser Saison "ein erster Tropfen in einem Glas voller gemeinsamer Arbeiten" sein werden, will sie sich auf nichts festlegen.

Kein Wunder. Denn wie alle anderen weiß auch Semionova noch nicht recht, wohin Duatos Weg in Berlin führt. Der Choreograf ist nicht frei von Divenallüren, ein ungeduldiger Egomane, der rasend schnell denkt und spricht – und das angenehm mit Humor federt. Anders als Malakhov tanzt er nicht mehr, muss sich also in seinen Choreografien nicht in den Mittelpunkt stellen. Dafür besitzt er eine sehr eigene, stark vom neoklassischen Ballett beeinflusste Ästhetik. Bei ihm verschmelzen Musik und Bewegung kongenial. Aus Licht und Schatten erschafft er Körper als lebende Skulpturen neu – oft erinnern Momente an hochästhetisierte Schwarz-Weiß-Fotografien. Wie auch das neue Design des Staatsballetts – viel Schwarz, Grau und gedämpfte Farben. Eine zurückhaltende Eleganz, die durchaus Rückschlüsse auf Duatos künstlerische Handschrift zulässt.

Andererseits sind auch seine Pläne für die erste Spielzeit relativ einfarbig. Im Februar 2015 zeigt er mit "Dornröschen", das er für St. Petersburg choreografierte, klassisches Spitzenballett. "Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere" hatte er für die europäische Kulturhauptstadt Weimar 1999 erarbeitet, eine Hommage an die Musik von Johann Sebastian Bach. Für die dritte Premiere kombiniert er die "Bella Figura" seines Stilvorbilds Jiří Kylián mit seiner Arbeit "White Darkness" über Drogenmissbrauch (keine Angst: allzu krass wird das schon nicht werden) mit einer neuen Choreografie.

Dass andere, neue Handschriften noch keine Chancen bekommen, liegt an der fehlenden Zeit, sagt Duato: "Man braucht zwei bis drei Jahre Vorlauf, um gute Choreografen zu verpflichten." Immerhin: Er will den Tänzer-Nachwuchs stärken und für die Staatliche Ballettschule ein Mal im Jahr eine Choreografie erarbeiten – kostenlos. "Vielleicht ergibt sich daraus langfristig eine zweite Compagnie", sagt er. Dabei blickt er nach München, das mit zwei Staatsballett-Gruppen und der Bosel-Stiftung für den Nachwuchs äußerst breit aufgestellt ist – und für alle Stile offen.

"Ich bin daran gewöhnt, kritisiert zu werden", sagt Duato. Er bittet die Kritiker und das Publikum um Geduld: "Wartet, bis der Vorhang aufgeht!" Darauf allerdings dürfte auch Semionova warten, die sehr zögerlich wirkt, sich wieder dauerhaft in Berlin zu verpflichten. "Ich möchte es nicht ausschließen, aber dafür wäre es jetzt zu früh", sagt sie. Sie wird wissen, warum.


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