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17.10.2014

Berliner Morgenpost: Im Orchestergraben sitzt der letzte Musiker im Müll

Christoph Marthaler inszeniert "Tessa Blomstedt gibt nicht auf"

Von nun an geht's bergab: Wenn Kekke, Frauke, Heike und Silke zusammen mit Helfried am Keyboard Elfi Grafs "Einen Adam, einen Apfel und ein kleines Paradies" anstimmen, dann sinken sie bei jeder Wiederholung um eine Note, bis sie irgendwann nur noch brummeln. Das hat gleich zwei Pointen: inhaltlich, weil der Text derart unterirdisch weibliches Selbstbewusstsein an den Nagel hängt, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Und szenisch, weil es jenes Sich-in-die-Höhe-Schrauben umkehrt, mit dem Christoph Marthaler 1993 am selben Ort das "Danke (für diesen guten Morgen)"-Lied in die fiepsenden Höhen trieb.

 

"Murx den Europäer!" hieß der Abend, der hier an der Volksbühne zur Initialzündung für Marthalers Karriere wurde. Auch sonst kommt einem in "Tessa Blomstedt gibt nicht auf" vieles bekannt vor: Anna Viebrock hat einen ihrer scheußlich-charmanten Unorte gebaut, halb Industriehalle, halb Büro, wo die titelgebende Tessa ihre Grünpflanzen mit Wasser besprüht. Lieder kommen von irgendwoher und hören abrupt auf, Menschen in absurden Kostümen verrenken sich grotesk, während im Orchestergraben die Kultur schon abgebaut wurde: Zwischen vollen Mülltüten und Kartons sitzt einsam ein Gambist und zupft Akkorde.

Oben aber, auf der Bühne, hat die Sehnsucht ihr Zuhause. Ein typisches Marthaler-Biotop, wo schräge Menschlein ihre bessere Hälfte suchen. Angestellte einer Partnervermittlung ringen um ihr kleines Stück vom Glück. Übergangslos pendelt das Damen-Quartett (grandios: Tora Augestad, Altea Garrido, Olivia Grigolli und Lilith Stangenberg) zwischen Beethovens "Kyrie" und "Sorry I'm a lady", veredelt Schlager wie "Herzen haben keine Fenster" zu herrlichen Chorsätzen. Clemens Sienknecht macht am Keyboard die Musik.

Irm Hermann stakst als sybillinisch lächelnde Chefsekretärin Tessa durchs Bild und konstatiert: "Ich habe Druck auf der Sprechblase." Wie sie sind hier alle Frauen in Platinblond und Leopardenlook Teil eines entmenschlichten Systems, in dem Josef Ostendorfs Stimme gottgleich Anweisungen gibt. Zum Beispiel, alle gemeinsam den Papierkorb zu leeren. Gemeint ist der auf der Festplatte, die dann zunehmend aussetzt, bis alle nur noch "Error" röcheln.

Was heute das Ende einer Beziehungsanbahnung bedeuten würde, wo das Onlinedating zum "Imagebuilding" verführt. Einmal steht Ulrich Voß als "Retrovirus" am Pult und verliest mit rhetorischem Bombast Tipps für die virtuelle Selbstoptimierung. Unbedingt im Profil angeben: Leidenschaft für Sport, Kultur und Bildung, geht immer, egal, wie durchökonomisiert die Zeiten sind!

Manchmal klingt der Abend überraschend nach René Pollesch, dann wieder werden Shakespearesonette zitiert. Obwohl er durchaus ironisch dem Schlager nachspürt, denunziert Marthaler nie die Sehnsüchte, die dahinter stehen. Einmal singen die Frauen "Atemlos" so inniglich als mehrstimmigen Satz, dass einem der Kitsch plötzlich nahe geht. Und das ist nun wirklich eine Kunst.


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