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14.10.2014

zitty: Woyzeck

"Woyzeck", am Deutschen Theater inszeniert von Sebastian Hartmann

Warum tötet Woyzeck Marie? Nicht nur wegen der Erbsendiät des Doktors, findet Sebastian Hartmann. Am Deutschen Theater lässt er nur die beiden, also Mann und Frau auf einander los. Zu Beginn erzählen Schatten von Schlägen und Stichen, die über die Bühnengrab-Wände flackern, ein hinten offener Kasten, wie frisch mit Teer ausgestrichen.

Hier pendeln die Emotionen zwischen Liebe und Hass, Dramenfragment- und Fremdtexten. Hartmann und seine zwei radikalen Titanen-Schauspieler in Kostümen von dunnemals bürsten sie mit einer Glut gegen den Strich, dass man völlig neu hinhört. Packend, wie Katrin Wichmann Todesangst-Passagen lachend über die Lippen perlen, wie Benjamin Lillie aus einem verröchelnden Gezappel in den Marschschritt gleitet, wie sie sich ineinander verknäulen und verbeißen, mal aus Hass, mal aus Begierde, mal wegen dem Dazwischen.

Hartmann ist naturgemäß radikaler als Leander Haußmanns psychologischer „Woyzeck“ am Berliner Ensemble, darin auch arroganter, setzt Textkenntnis und Sitzfleisch für Pippi-Kacka-Kalauer voraus. Das nervt. Aber es lohnt, weil die 100 Minuten Dank der Heiner-Müller-Auflösung am Ende nicht nur Sprachspiel und Bilderrausch sind, sondern auch ein faszinierendes Denk-Experiment.


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