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18.10.2014

Berliner Morgenpost: Es triumphiert der Glaube – und dann auch noch doppelt

Ein würdiger Abschluss: Brigitte Grothum bringt zum letzten Mal ihren "Jedermann" im stilvollen Ambiente des Doms heraus

Wie das dröhnt: "Jee-deer-maaaaaannnn!" So schaurig schön wirkt das natürlich nur mit dem echten Nachhall des Berliner Doms, der in seiner neobarocken Architektur die ideale Kulisse abgibt für dieses Vergänglichkeits-Spektakel. Auf der Bühne ist Jedermann der einzige, der den Ruf hören kann. Wir im Publikum hören's auch, die wir gemeint sind mit Hugo von Hofmannsthals "Spiel vom Sterben des reichen Mannes". Denn auf unsere Erschütterung, unsere Bekehrung bestenfalls zielt das Drama ab.

"Jedermann" ist ja ein echter Berliner. Zwar wurde er von den Österreichern Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt aus der Taufe gehoben, aber doch hier in Berlin, am 1. Dezember 1911 im damaligen Zirkus Schumann, gleich neben dem Berliner Ensemble. Danach aber machte "Jedermann" in Salzburg Karriere und wäre ein Österreicher geblieben, wenn die Schauspielerin Brigitte Grothum ihn nicht für Berlin zurückgewonnen hätte. 1987 war das, zunächst in der Kreuzberger Kirche am Südstern, danach in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, seit 1993 im Berliner Dom. 28 Jahre lang ist es Grothum gelungen, den "Jedermann" als Spektakel, als religiöses Spiel auf die Bühne zu bringen. In diesem Jahr ist es die letzte Runde – die 79-jährige Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin mag das finanzielle Risiko nicht mehr tragen.

Eine ironische Pointe, schließlich geht's auch im Stück ums Geld – das letzte Hemd hat keine Taschen. Vergeblich versucht der reiche Jedermann, in seiner Todesstunde etwas oder jemanden mitzunehmen vor den letzten Richter. Die Freunde und Verwandten verweigern sich und sein Besitz, der Mammon, lacht ihn aus. Hofmannsthals Stück stanzt dieses Suchen nach einer letzten Begleitung in schlichte, ans Mittelalter erinnernde Reime, mehr Volksvers als hoher Ton.

Keine leichte Aufgabe für die Schauspieler, sich da durchzubeißen, ohne hohle Phrasen zu produzieren. "Jedermann" ist ein ziemlich textlastiges Drama – vor allem für einen Stoff, der sich in wenigen Sätzen zusammenfassen lässt. Der Gefahr des Textaufsagens wiedersetzt sich die Regisseurin Grothum, indem sie jede noch so kleine Möglichkeit für Bewegung und Aktion nutzt, unterstützt von Friedrich Bührers Choreografien. Schon zu Beginn jagen weit gewandete und maskierte Gestalten durch den prachtvollen Kirchenraum. Später umtanzen Jedermann und sein Gesell den schmalen Geldkoffer wie ein goldenes Kalb und werfen ihn einander zu, räumen die Diener mit wirbelnden Gesten die Bühne ab, hüpft ein Tänzer herum.

Dazu haben Grothum und ihr Team eine ausgeklügelte Lichtregie erdacht, die teils gespenstische Szenen malt. Eine Stimmung, die mit klug ausgewählter Bach-Musik von Wolfgang Wedel an der gewaltigen Sauer-Orgel unterstützt wird. Auf der Bühne allerdings wirkt Bach, elektronisch bearbeitet, zuweilen ziemlich fies – muss ja irgendwie zur Party passen.

Diese Festszenen sind szenisch besonders dankbar. Da stürmen die Gäste durch den Mittelgang nach vorn auf die rote Plattform, auf der sich dann eine dekadente Bilderbuch-Gesellschaft feiert: die beiden Vettern mit Geckentolle auf der Stirn, die Damen mit stolz geschnürtem Busen, und immerfort werden die goldenen Becher prostend zum Himmel gereckt. Zwischen elegantem Schwarzweiß leuchtet die Buhlschaft im feuerroten Rock unter der schwarzen Lockenpracht. Barbara Wussow lockt, flirtet und juchzt wie eine Carmen, erobert sich mit ausladenden Gesten den Raum.

Sie ist ebenso "Jedermann"-erfahren wie Georg Preuße: 2000/2001 spielte er den Mammon, 2000 bis 2005 die Titelrolle. Natürlich scheint trotz seiner Erfahrung immer mal wieder Mary durch, Preußes berühmte Travestie-Figur, die ungleich witziger und böser war als dieser etwas biedere Lebemann, etwa wenn Preuße durchs eigene Fest tänzelt. Der Jedermann ist ja eine nicht enden wollende Mammutrolle, die fast durchgehend auf der Bühne präsent ist. Gerade in Jedermanns Todesverzweiflung merkt man Preuße die Erschöpfung an. Höchster Ausdruck der Verzweiflung ist, als er sich die Frisur verwuschelt.

Aber die Inszenierung hat darstellerisch noch ein paar Trümpfe parat. Da wäre Achim Wolff, ein altgedienter Tod, der in jedem Wort verständlich bleibt und seinen würdigen Gevatter mit Humor unterfüttert. Da wäre Peter Sattmanns geschmeidig-schmieriger Teufel, ein Seelen-Conférencier mit Trillerpfeife, der sich nur äußerst ungern von seinem sicher geglaubten Opfer abhalten lässt. Da wäre Ursula Karusseit, die Jedermanns Mutter als fromme, aber durchaus auch stolze Frau anlegt – und so etwas mehr Ambivalenz aus der Rolle kitzelt, als in ihr angelegt ist. Da wäre vor allem Ilja Richter, der seinen goldglänzenden Mammon halb spricht, halb rappt und singt, mal in roboterndes Körper-Stakkato verfällt, dann wieder den aufgedrehten Strippenzieher spielt – ein verwöhntes Gör, das sich seiner Macht vollkommen bewusst ist. Großartig!

Das letzte Wort bleibt aber dem Glauben vorbehalten: Brigitte Grothum spielt ihn zurückhaltend, würdevoll. Man merkt ihr an, wie sie diese letzten Minuten genießt – schließlich triumphiert nicht nur der Glaube, sondern auch ihr Glaube an "Jedermann", 28 lange Jahre hindurch. Der lange, herzliche Applaus bestätigt sie darin.


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