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31.08.2007

Der Freitag: Hier war was los!

Zum Tod von Kurt Hübner (1916-2007).

Skandal! 1961 wurde in Deutschland eine Mauer gebaut, und die Theaterintendanten der großen westdeutschen Bühnen waren sich einig: Stücke von Bertolt Brecht, dem Kommunisten und SED-Parteimitglied, werden bei uns nicht mehr aufgeführt! Diesem verbohrten (und bald bröckelnden) Unisono stellte sich nur eine Stimme im Schwäbischen entgegen. Kurt Hübner, Intendant des Ulmer Theaters, brachte noch im selben Jahr in der Regie Peter Palitzschs die westdeutsche Erstaufführung des Brecht-Stücks "Der Prozess der Jeanne d'Arc zu Rouen 1431" heraus. Seine Begründung: Das Drama sei gegen jede Art der Diktatur geschrieben worden. Außer der Entrüstung bekam Hübner aber auch jene Zustimmung zu spüren, die seine Intendanzen in Ulm und Bremen fortan begleiten sollte.

Was später als "Bremer Stil" gelten sollte, hatte sich hier bereits zu bilden begonnen. Keine einheitliche Handschrift, sondern der Aufbruch in eine vielstimmige Zukunft. Neben Palitzsch holte er Peter Zadek nach Ulm, der dem Publikum, noch auf erhabenes Bildungsbürgertheater getrimmt, Brendan Behans rotzige, brutale "Geisel" vor die Füße klotzte.

Als Hübner 1962 nach drei Jahren weiterzog nach Bremen, nahm er Zadek, Minks und Palitzsch und die junge Hannelore Hoger mit. Dank seiner Spürnase für junge Talente gewann der Intendant seinem Ensemble weitere Regisseure, Bühnenbildner und Schauspieler hinzu, deren Namen das Who-is-Who deutschsprachigen Theaters bilden: Stein, Fassbinder, Neuenfels, Grüber, Rose, Karl-Ernst Herrmann, Wonder, Lampe, Clever, Ganz, Carstensen, Glowna, Irm Hermann. Die Liste lässt ahnen: So viele Ansätze, Theater zu spielen, zu inszenieren, Räume zu entwerfen müssen wie ein Pulverfass gewirkt haben. Hier war was los! Hübner übte sich als Dompteur, als General, schützte seine Truppe gegen Angriffe von außen, hielt nach innen zusammen und formulierte seine Vorstellungen eines kontroversen Theaters: "Ich möchte ein Theater machen, was frisch, lebendig ist, was die Fantasie anregt, was die Zuschauer produktiv macht, was sie dazu zwingt, sich auseinanderzusetzen, zu diskutieren, das heißt ein Theater, was gegen die Konsumhaltung gerichtet ist, eben ein Theater, was den Menschen, der ins Theater geht, aktiv macht."

Darunter waren Zadeks "Maß für Maß"-Inszenierung in Jeans und umgangssprachlicher Übersetzung, Schillers "Räuber" in Minks Pop-Art-Bühnenbild, Steins "Tasso"-Version. Stilistisch ließ Hübner vieles zu, behielt sich aber das Machtwort vor. Er ging keinem Streit aus dem Wege, konnte das ganze Theater zusammenbrüllen – und war mit seiner autoritären Art wahrscheinlich der einzige, der die auseinanderstrebenden Kräfte so lange zu binden vermochte. Bis Peter Stein und die seinen über einen Züricher Umweg an die Berliner Schaubühne gingen, Zadek sein eigenes Theater erhielt und sich Fassbinder endgültig für den Film entschied. Schließlich machte eine sich widerspenstig gerierende Bremer Politikerkaste Hübner mürbe. 1983 ging er an die Freie Volksbühne nach Berlin.

Da hatte die Stadt schon ihre Klammheit entdeckt und das Haus in der Schaperstraße auf Sparkurs gesetzt. Dafür, dass Hübner nun eine Gastspielbühne bewirtschaften musste, entstanden bemerkenswerte Produktionen, so Zadeks Inszenierung von Joshua Sobols "Ghetto". Nur für den Entdecker und Förderer boten sich kaum Möglichkeiten.

1986 warf er hin, arbeitete anschließend frei als Regisseur und auch wieder als Schauspieler. Damit hatte in den späten Dreißigern alles begonnen: An der Schauspielschule des Deutschen Theaters lernte er sein Handwerk, bevor er im Krieg Oberleutnant und Ritterkreuzträger wurde. Hinterher hat er klare Worte für die "Scheiß-Nazis" gefunden. Zwischen Engagements beim Rundfunk arbeitete er öfter als Regisseur und Dramaturg an verschiedenen Bühnen.

Nach der Berliner Intendanz an der Freien Volksbühne blieb er präsent, auf der Leinwand etwa als Generaldirektor in Loriots "Pappa ante Portas", auf der Bühne und als Regisseur, vor allem aber in seiner Lebensrolle: Von 1992 an hat Hübner bis in sein 91. Lebensjahr nach Kandidaten für den Gertrud-Eysoldt-Förderpreis für junge Regisseure gesucht. Mit seinem Tod am 21. August hat das deutschsprachige Theater einen bedeutenden Förderer, Vor- und Mitdenker verloren.


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