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08.11.2014

nachtkritik.de: Die DDR im Herzen

"Die Schönheit von Ost-Berlin" – Bastian Kraft lässt an den DT-Kammerspielen den Glamkommunisten und Dichter Roland M. Schernikau vierfach wiederauferstehen

"Wer jetzt aufhört zu ficken, sollte aufhörn zu rauchen trinken essen arbeiten autofahrn spraydosen benutzen lackfarbe plastik radios kinos menschen", schrieb Ronald M. Schernikau zu Beginn der AIDS-Krise. Nicht nur darin war er auf tragische Weise konsequent: Wenige Jahre später war er tot, mit 31. Und bald danach ziemlich vergessen im Taumel der Wiedervereinigung. Dabei hat er in seiner aphorismenhaften Diktion Dinge formuliert, die einen heute merkwürdig anfahren: "Wer die buntheit des westens will, wird die verzweiflung des westens kriegen" zum Beispiel.

Dass er es jetzt, zum Mauerfalljubiläum, auf die Bühne seines Lieblingstheaters schafft, das Deutsche Theater in Berlin, dürfte zuerst an seiner Biografie liegen. Geboren in der DDR, flieht seine Mutter der Liebe wegen in den Westen – nur um dort festzustellen, dass ihr Mann eine andere Familie hat. Sein Coming-Out-Roman "Kleinstadtnovelle" wird zum Überraschungserfolg. Das literarische Wunderkind und enfant terrible mit der Wunde DDR im Herzen geht zum Studium nach West-Berlin, dann ans Leipziger Literaturinstitut – und lässt sich auf Empfehlung von Peter Hacks einbürgern: Am 1. September 1989. Da hat er nur noch zwei Jahre zu leben.

Kommunismus, Schlager, schwuler Sex

Jetzt also, 25 Jahre nach dem Zusammenbruch jenes Landes, das er verzweifelt liebte, setzen Bastian Kraft und sein Team Schernikau mit "Die Schönheit von Ost-Berlin" ein äußerst lebendiges Denkmal. Biografie und Werk haben sie zu einer halbwegs linearen Erzählung montiert und in den Kammerspielen auf eine Insel gesetzt: Peter Baur türmt dicht gedrängt Bett neben Pissoir neben rosafarbene Marxbüste, ein Audi-Heck schiebt sich unter einen Ausguck, "ich bins!" leuchtet neben einem Kaugummiautomaten. Schernikaus Kleinstadt-Isolation steckt darin, natürlich West-Berlin, aber auch ein dichterisches Universum, in dem Kommunismus, Schlager und schwuler Sex einander nicht ausschließen, sondern bedingen.

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