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06.11.2014

Berliner Morgenpost: An der Parkaue wird noch einmal eine Mauerflucht nachgestellt

"Berlin-Friedrichstraße 20.53 Uhr" im Theater an der Parkaue

Natürlich hatte niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten. Aber jetzt steht sie doch auf der Bühne des Theaters an der Parkaue: als Wand aus massiven Styroporquadern.

Sie fräst sich auch noch einmal als Videoprojektion in die Berliner Landschaft, ein Mauerfall im Rückwärtszeitraffer. Beeindruckend sind diese Filme von Michael Deeg, die mal wie ein bewegtes Bilderbuch, mal wie ein Computerspiel wirken. Sie docken direkt beim jugendlichen Zielpublikum an – und sind doch stets eigener Kommentar zur wahnwitzigen, aber wahren Geschichte: 1962 fliehen neun Schüler der Max-Planck-Oberschule nach West-Berlin, indem sie auf den Paris-Moskau-Express aufspringen – am Bahnhof "Berlin-Friedrichstraße 20.53 Uhr".

 

So heißt das Buch, das bald danach ihre Flucht schildert, so heißt auch der Abend, den Marcus Lobbes an der Parkaue daraus gemacht hat, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Jenseits der Videos, die zu seinen Markenzeichen gehören – etwa in seiner Uraufführungs-Inszenierung von "Kaspar Häuser Meer" aus Freiburg, die einige Zeit am Maxim Gorki Theater lief – setzt er auf ein beinahe altmodisches, höchst konzentriertes Erzähltheater. Aus dem Graben und von der Bühne fügen sich chorische Passagen, Dialoge und Einzelstimmen zu einer Art Sprechkonzert zusammen. Wenn die Jungs auf einem grenznahen Friedhof eine Fluchtmöglichkeit ausloten und erwischt werden oder wenn der Direktor einige von ihnen von der Schule schmeißt, packt das, weil die Erzählung wohl dosiert wird, Timing und die Gruppendynamik stimmen.

Aufmerksam hören die sieben Schauspieler einander zu, beobachten genau, was die anderen treiben. So entsteht eine Stimmung des Lauerns, des Abwartens, eine Haltung, die ja nicht nur die Stasi verkörperte, sondern die gesamte Gesellschaft durchzog: Wem kann ich trauen, wem nicht? Alle stecken sie in altmodischen Trainingsanzügen – einer von ihnen will eigentlich Leichtathlet werden. Sie sind zugleich Overalls – schließlich stecken sie mit einem Bein schon im Knast. Derart durchdacht ist der gesamte, nur eine Stunde kurze Abend, der Geschichte so lebendig werden lässt wie selten und zugleich ein Fest des genau abwägenden Tons ist. Birgit Berthold, Konstantin Bez, Jakob Kraze, Johannes Hendrik Langer, Hagen Löwe, Denis Pöpping und Franziska Ritter spielen derart präzise, dass "Berlin-Friedrichstraße" so an jedem Haus der Stadt durchgehen würde.

Einmal rutscht beiläufig ein Stein aus der Wand, andere folgen, als einer der Jungs auf die zündende Flucht-Idee kommt. Schnell stopft er das Loch provisorisch zu – soll ja keiner mitbekommen. Am Ende fällt die Mauer, stürzt die Styropor-Wand um. Kein Anlass für einhelligen Jubel: Während Männerstimmen vom Band die Nationalhymne grölen, schauen die Schauspieler lange noch in die Ferne, wehmütig, melancholisch.


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