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10.11.2014

Berliner Morgenpost: Castorfs Sechs-Stunden-Stück

Brüllen und brabbeln: Frank Castdorf inszeniert "Kaputt" und lässt das Publikum an der apokalyptischen europäischen Kriegslandschaft teilhaben. Schön und gut. Aber muss das so elend lange dauern?

Krieg ist eine fiese Sache: Am Ende bleibt wenig mehr als ein Trümmerhaufen. Umgestürzte Säulenfragmente liegen auf der Bühne, ein Mauerstück verzieht sich zur grinsenden Fratze, ein mit vergoldeten Wänden ausgekleideter Container hängt schwarz über einem Wasserbecken vor gelbem Hintergrund. Über der Szene schwebt etwas, das an jenen Polyeder erinnert, den Albrecht Dürer in seinem berühmten "Melencolia"-Stich zeigte. Etwa fünf Stunden nach Beginn wird dieses Vieleck schwarze Kugeln ausspucken. Da ist die Melancholie von "Kaputt" schon der allgemeinen Agonie gewichen, und jene im Publikum, die immer noch ausharren in Frank Castorfs neuer Inszenierung, empfangen jeden Hinweis auf die fortschreitende Zeit mit hysterischem Gelächter.

Es wirkt, als wäre der Melancholie-Polyeder der schlechte Stern, der über Castorfs Volksbühnen-Abend steht: Zuerst verletzte sich die Hauptdarstellerin Jeanne Balibar so stark, dass die Premiere verschoben werden musste. Jetzt spielt Georg Friedrich im Gips. Und auch sonst kann man nicht behaupten, dass der Abend zünden würde. Man ist ja von Castorf einiges gewöhnt, an szenischen Kapriolen wie an Ausdauer. Aber müssen es wirklich sechs Stunden sein? Sechs Stunden, in denen viel gebrüllt und gebrabbelt, aber wenig gesagt wird, außer: Der Mensch ist schlecht, böse, niederträchtig.

Gut, das ist streckenweise schon bei Curzio Malaparte so, der in seinen Romanen "Kaputt" und "Die Haut" Mitte der 1940er den Zweiten Weltkrieg aus seiner Sicht abschritt. Als italienischer Offizier und embedded journalist durchreiste er Europa, als halber Deutscher (eigentlich hieß er Kurt Erich Suckert) traf er dabei die Nazielite, sah die Ghettos und Grausamkeiten – Schilderungen, die durchaus packen.

Daneben zeigt er eine gesellschaftliche und kulturelle Elite, die müde geworden ist und jeden moralischen Führungsanspruch verspielt hat. Dieser geistige Niedergang ist es, der Castorf zu faszinieren scheint. Und natürlich der undurchsichtige Dichter selbst, der Ex-Faschist, der immer wieder in endlose Gesprächswiedergaben abschweift und regelmäßig zur Küchenpsychologie greift: "Was den Deutschen zur Grausamkeit verleitet, zu diesen ganz kühl, ganz methodisch, ganz wissenschaftlich grausamen Handlungen, ist die Angst. Der Deutsche hat Angst vor den Schwachen, den Waffenlosen, den Kranken." Natürlich fällt der Satz auf der Bühne, wie auch das Gebrabbel vom Sühneopfer (hebräisch kaparot), von dem Malaparte das deutsche Wort kaputt ableitet und das er auf ganz Europa ausdehnt. Dazu dudeln kitschige Instrumentalbearbeitungen von Bachs "Erbarme dich"-Arie in Endlosschleife.

Sechs Stunden wären ja nicht das Problem, wenn der Abend mehr zu bieten hätte als Castorf-Routine und zwei mittelmäßige Kriegsromane. Szenisch findet der Volksbühnen-Chef zu wenig, was Malapartes eitlem Wortdurchfall Paroli bieten könnte. Da brüllen sie an der Rampe herum, rennen rein in den Container und wieder raus. Da spuckt die Kamera pixelige Bilder auf eine LED-Leinwand, wo zwischendurch reale Kriegsbilder flackern. Da fallen die Schauspieler ins Wasser und planschen ausgiebig drin rum. Ohne Bühnenblut, Bühnenexkremente, Bühnenkotze geht's eh nicht.

Jeanne Balibar, in Frankreich ein Film- und Bühnenstar, wird erst allmählich zum Zentrum des Abends, wandelt sich vom schmalen jungen Mann mit Oberlippenbärtchen zur eleganten Dame. Vor allem ihr Blick erzählt von dem, was sie sieht: Anfangs offen, fragend, neugierig, dann immer hoffnungsloser. Am Ende, als der Saal gefühlt halbleer ist, quält sie sich furios durch endlose deutsche Textmassen. Alle anderen sind da längst zu Sidekicks geworden, Georg Friedrich mit scheinbar unerschöpflichen Energieschüben, Patrick Güldenbergs hibbeliges Nazischisserchen, Britta Hammelsteins biestige Diva. Vielleicht ist ja der Clou der gesamten Anstrengung, dass man sich am Ende fühlt, als wäre man selbst sechs Stunden lang durch die apokalyptische europäische Kriegslandschaft gestolpert: extrem kaputt.


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