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15.11.2014

Berliner Morgenpost: Der Spießbürger ist nicht totzukriegen

"Seid nett zu Mr. Sloane" heißt am Maxim Gorki Theater die Komödie, in der sich alle belügen

So schön kann man nur auf der Bühne sterben: Eigentlich wird Kemp in "Seid nett zu Mr. Sloane" erwürgt. Auf der Bühne des Gorki Theaters aber verheddert er sich im Mikrokabel, das ihn allmählich erwürgt. Das eine Ende hält Mr. Sloane mit staunendem Unschuldsblick, ins andere Ende röhrt, röchelt und krächzt Thomas Wodiankas Kemp hinreißend Queens "The Show must go on". Immer wieder steht er auf, hebt erneut an – der reinste Horror. Und saukomisch!

 

Der Spießbürger ist nicht totzukriegen, die Show auch nicht in Nurkan Erpulats Inszenierung von Joe Ortons schwarzer Komödie. Bei der Uraufführung 1964 wurde sie zum Skandal, schließlich haben hier alle Figuren Leichen im Keller: Kathy ist sexbesessen, ihr Bruder Ed steht auf Männer, Vater Kemp und der neue Untermieter Mr. Sloane sind in einen Mord verwickelt.

Erpulat zeigt statt des verstaubten Skandals die Komödienmaschinerie her. Zu Beginn probieren die Schauspieler an der Rampe Perücken, Nasen, Bärte, während hinten die Türen der raumgreifenden Schrankwand offen stehen und den Blick freigeben auf Kulissenteile und Musiker Tilman Ritter, der am Synthesizer für süffige Fahrstuhlmusik sorgt.

Mareike Beykirchs Kathy trägt lackierte Nosferatu-Finger und versucht, ihre Gier nach dem neuen Untermieter Sloane mit Muttergefühlen zu kaschieren. Aleksandar Radenkovićs Gesicht ist mit Klebestreifen entstellt – ein Grund mehr, warum Ed sich hinter Männerromantik versteckt, statt Sloane offen anzumachen. Wodiankas Kemp mit Halbglatze und schiefen Zähnen wirkt wie Opa Hoppenstedt auf Drogen. Nur Jerry Hoffmanns Sloane schaut so ungefährlich aus der Wäsche, dass man ihm seine Waisenknabengeschichte jederzeit abkauft.

Als Groteske funktioniert das fabelhaft, weil die famosen Gorki-Schauspieler lustvoll jene Teufelsfratzen karikieren, die bigotte Bürger gerne an die Wand pinseln. Erpulat aber will mehr, packt Diskursmonologe zu Genderfragen und Rassismus hinein – Hoffmann ist schwarz, da wird die Wendung, dass ihn Ed und Kathy zunehmend ausnutzen, zum bösen Migrationskommentar. Ein eindrucksvoller Abend.


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