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01.12.2014

Berliner Morgenpost: Bert Brechts "Baal" als exzessive Zirkusnummer

Stefan Pucher inszeniert das Frühwerk als große Ego-Show

Das Leben ist ein Zirkus und der Künstler seine größte Nummer: Wie traurige Clowns stehen die Schauspieler auf der Bühne mit Stummfilmaugen und Kalkgesichtern. Unter ihnen ist Baal der prachtvollste im geckenhaften Renaissance-Ornat, blutbesudelt: ein Maßloser im Dichten, Saufen, Fressen, Lieben, Töten. Wer ist Baal? "Mörder. Zuvor Varietéschauspieler und Dichter. Dann Karussellbesitzer, Holzfäller, Liebhaber einer Millionärin, Zuchthäusler und Zutreiber", wie es in Bertolt Brechts erstem Stück heißt. Die Episoden und ihre Reihenfolge – mal erniedrigt er eine Geliebte, mal ergaunert er sich Schnaps, mal ermordet er seinen besten Freund – sind zweitrangig. Sie alle zeigen ihn als "Kloß, der am Himmel Fettflecken hinterlässt", so anarchisch, dass Brecht selbst mit ihm nicht fertig wurde. Ein Rätsel, zusammengestückelt aus vielen Vorbildern und einem hochexpressionistischen Sprachrausch, in den sich Christoph Franken hineinfrisst wie Baal in Alkohol, Fleisch und Frauen.

 

Stefan Pucher schickt seinen Schauspieler in zwei Stunden durch ein Stationendrama ohne Moral, immer auf der Suche nach der nächsten Verausgabung. Und zugleich in ein Spiel, dessen Attraktion Baal ist – ein Popstar der Antihaltungen, Chefclown für ein überfressenes Publikum, das den Reiz der Extreme braucht. Wenn Franken sich auszieht und in nackter Leibesfülle Verse in den Raum brüllt oder wenn in einem Video die zierliche Tabea Bettin mal auf, mal unter ihm liegt, sind das Momente, die dem alles gewöhnten Theater noch einmal Schockmomente verleiht. Frankens körperliche wie sprachlichen Exzesse aber wirken nur, weil Pucher für das Stück eine strenge Form findet aus Zirkus und Musik. Christopher Uhe schlägt mit der Hammond- Orgel die Brücke zwischen Zirkus- Gedudel und Brecht-Lied. Barbara Ehnes Bühne vereint umgekehrtes Zirkus-Podest, mögliches Karrieresprungbrett und Brecht-Gardine. Sie ist aber auch die Mühle des Lebens, gegen die Baal sich in all seiner Körperlichkeit stemmt.

In dieser Ich-Show Baals sind die anderen Figuren nur Staffage. Konsequent also, dass sich die vier Kollegen durch gut zwei Dutzend Rollen spielen. Anita Vulesica erfindet lauter ironische Miniaturen. Daniel Hoevels grient mal aasig als Dompteur, mal schlurft er als verdruckster Loser-Freund herum. Tabea Bettin konturiert die Geliebten und Mädchen als strenge Massenware, Felix Knopp verleiht Ekart und anderen einen männlichen Trauerrand. Gegen Ende gehen Franken und dem Abend ein wenig die Puste aus. Aber grundsätzlich kann man das so machen mit Baal, dem Gesellschafts- und Regelverweigerer, der uns, dem Publikum, den Stinkefinger zeigt – und wir applaudieren.


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