Archiv Referenzen

16.12.2014

Berliner Morgenpost: "Die lächerliche Finsternis" findet die passenden Klischees

Daniela Löffner inszeniert an den Kammerspielen des Deutschen Theaters "Die lächerliche Finsternis". Da rauscht es, tropft und kreischt, da erklingen mitten im Dschungel Tanzrhythmen und Schubert.

Tief ist der Dschungel, fern der Hindukusch, da kann man schön seine Vorurteile kultivieren. Nicht alles glauben, was man im Fernsehen so sieht, empfiehlt Hauptfeldwebel Oliver Pellner und behauptet, der Hindukusch sei ein Fluss, er wisse das, er habe ihn befahren. Schon ist man bei Wolfram Lotz mittendrin in der "Lächerlichen Finsternis", seiner virtuosen Überschreibung von Josef Conrads "Herz der Finsternis" und Francis Ford Coppolas "Apokalypse Now".

Natürlich reißt Lotz die Latte seiner epochalen Vorbilder, aber mit welchem Witz und welcher Chuzpe, das lohnt die Lektüre allemal. In einer Art magischem Realismus schickt er Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch durch eine Krisengebietsmischung aus Afrika, Afghanistan, Ex-Jugoslawien.

Aber eigentlich geht es immer um uns, um die Unmöglichkeit, über das Andere, das Fremde anders als in Klischees zu reden, gar den Anderen eine Stimme zu verleihen, die mehr spiegelt als unsere Vorstellung von ihnen, wie der Monolog eines somalischen Piraten zu Beginn zeigt. Unter dem Witz (der Text ist eine veritable Komödie) pulsiert die Sehnsucht – und die Trauer darüber, dass die Welt so eingerichtet ist, wie sie ist.

Lotz, 1981 geboren, wurde beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2010 mit "Der große Marsch" entdeckt und hat sich seitdem mit nur drei Stücken fest in den deutschen Spielplänen etabliert. Dabei ist das jüngste, eben "Die lächerliche Finsternis", eigentlich ein Hörspiel – ein Umstand, auf den Lotz mehrfach eingeht.

Daniela Löffner tut es ihm gleich in ihrer Inszenierung an den Kammerspielen des Deutschen Theaters: Da rauscht es und knackt, tropft und kreischt, da erklingen mitten im Dschungel Tanzrhythmen und Schubert. Wie sehr die Story Kopfgeburt eines unsympathischen Mitteleuropäers ist, macht Claudia Kalinskis treffendes Bühnenbild deutlich: Ein Luft-Floß hängt vom Bühnenhimmel, dessen geknautschte Plastikplanenränder sich allmählich zum weißen Panorama entfalten. Die Finsternis breitet sich aus – als klinisches Rauschen.

Hier zieht Alexander Khuon eine seiner großartigen Shows des sensiblen Machos ab, ein Strippenzieher, dessen Arroganz und menschliche Unzulänglichkeit er hinter großspurigen Gesten und einem kecken Grinsen versteckt. Ein Mann und seine Mission, frei von Zweifel und Reflexion, voll machohafter Plattitüden. Derweil duckt sich Moritz Grove als sein Untergebener Dorsch sympathisch weg, ein verlegen Verlorener, dessen tastende Versuche, so etwas wie Freundschaft zum Vorgesetzten aufzubauen, brüsk abgewiesen werden.

Kathleen Morgeneyer schlüpft in nahezu alle übrigen Rollen, ist somalischer Pirat vor Gericht, italienischer Kommandeur mit fertigem Espresso in der Hosentasche und englischer Geistlicher mit Hang zu nackten Beinen – leicht verkrampfte Überzeichnungen, wohin man blickt. Und am Ende jene Frau Deutinger (die im Text noch ein männlicher Oberstleutnant ist), die im Herz des Dschungels im Abendkleid auftaucht und die beiden Suchenden um den Finger wickelt – eine schöne Pointe für dieses eigentlich männerdominierte Stück.

Ziemlich unterhaltsam ist das alles – und täuscht doch nicht darüber hinweg, dass im Stück mehr steckt. Der Sehnsuchts- und Trauergrund, den Lotz im Text immer wieder durchschimmern lässt, wurde mal weggekürzt, mal wird er überspielt. Zwei kurzweilige Stunden lang ist das Komödienseil fest gespannt in den Kammerspielen – aber um den Abgrund darunter zu begreifen, kommt man am Ur-Hörspiel nicht vorbei.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt