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06.12.2014

Berliner Morgenpost: Revue mit Gequatsche und viel Playback

"Ach Volk, Du obermieses" an der hundertjährigen Volksbühne

Wenn man Hundert wird, darf man's richtig krachen lassen. Also lädt die Volksbühne zur Geburtstagsrevue "Ach, Volk, du obermieses", eine "Show vor Erfindung der Treppe" ohne "Friedrichstadt-Ballast", wie Erfinder und Berufsschwadronierer Jürgen Kuttner kalauert. Der Titel entstammt einem Peter-Hacks-Vierzeiler und könnte auch aufs Publikum gemünzt sein: "Ach Volk, du obermieses, / Auf dich ist kein Verlass. Heute willst du dieses, / Morgen willst du das."

Mit dem Publikum aber hat die Volksbühne Glück: Die Fans schlucken alles. Auch eine pausenlose Drei-Stunden-Bagatelle, die immerhin den Zustand des Theaters gut abbildet: Licht und Schatten liegen dicht beieinander. Das Licht strahlt hell – aber der Schatten dauert länger. Zum Licht gehören: Sophie Rois, die Heiner Müllers "Mommsens Block" spricht – und dabei von Mex Schlüpfer als nervigem Nachtpförtner mit Spitzelallüren unterbrochen wird. Der rasante Live-Filmdreh gegen Ende mit Publikumsbeteiligung. Natürlich Suse Wächters Puppenshow, die Max Reinhardt mit Juri Gagarin und Marilyn Monroe proben lässt. Später gesellen sich Brecht und die echte Ursula Karusseit dazu, und wie Brecht die große Brecht-Schauspielerin nach all den Theaterleuten fragt und sie immer antworten muss: "Auch tot" und er schließlich nach seinem BE fragt und Karusseit beredt schweigt, das ist wundersam traurig und zum Schießen zugleich.

Aber ach, der Schatten: Henry Hübchen rekelt sich zwar im Wohnwagen auf der Bühne, trägt aber außer ein bisschen Gequatsche und einer Playback-Nummer nichts bei. Silvia Rieger brüllt sich unverständlich durch einen Pollesch-Text. Als sich schließlich Maximilian Brauer als Nazi-Intendant Eugen Klöpfer mit schwarz geschminktem Gesicht um Kopf und Kragen quasselt und Suse Wächter eine Hitlerpuppe "Gebt mir mein Herz zurück" singen lässt, da wird's geradezu unterirdisch. Immerhin: Wer sich ärgert, kann nicht einschlafen.


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