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20.01.2015

Berliner Morgenpost: Bei diesem Freischütz kommt niemand zum Schuss

Michael Thalheimer verlegt Webers "Freischütz" an der Berliner Staatsoper in einen höhlenartigen Gewehrlauf. Darin werden Ängste verarbeitet - aber zum Schuss kommt keiner so richtig.

Durch diese hohle Gasse müssen sie alle einmal: Eine sich nach hinten zuspitzende Röhre hat Olaf Altmann auf die Bühne des Schiller-Theaters gebaut, gleichermaßen eine finstre Höhle wie ein Gewehrlauf. Sooft, wie im Libretto vom "Rohr" und vom "Schuss" die Rede ist, muss man psychologisch nicht besonders tief graben, um im "Freischütz" mehr zu finden als eine lustige Jägergesellschaft. Die Waffe ist hier Fetisch und phallisches Symbol – alle klammern sich an ihr fest, aber so richtig kommt keiner zum Schuss.

So jedenfalls liest Regisseur Michael Thalheimer Carl Maria von Webers "Der Freischütz" – mit einigem Recht. Denn die 1821 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt uraufgeführte romantische Oper ist zwar einerseits enorm volkstümlich mit seinen Ohrwürmern zwischen "Jungfernkranz" und "Jägerchor". Und ja, man kann sich die Geschichte vom Jägerburschen Max, der zu Zauberspuk greift, um mit einem siegreichen Probeschießen auch die Hand seiner Agathe zu bekommen, natürlich als schenkelklopfende Gemütlichkeit von vorgestern mit einer Prise Schauerromantik vorstellen.

Dass in dieser Musik aber auch ein Dampfkessel der Ängste und Neurosen brodelt und selbst das Libretto im Kern eine verrohte Gesellschaft der Obrigkeitshörigen und Duckmäuser zeichnet, machen Thalheimer und Sebastian Weigle am Pult der Staatskapelle eindrucksvoll spürbar. Schon in der Ouvertüre gibt's kein Geschunkel, sondern dichtes Drama: Da dreht der erste Akkord bedrohlich auf, da knallen die Pauken wie Kanonendonner, da schreit die Klarinette auf, als erwachte sie aus einem Alptraum. In den Generalpausen gähnen Abgründe.

Hier schon taucht Peter Moltzens Samiel aus dem Dunkel auf, blickt lange ins Publikum und setzt sich seine Fell-Geweih-Krone auf. Ein halbnackter Faun eher als ein Teufel, mehr Naturtrieb als das personifizierte Böse, die Nachtseite in uns allen. Nur selten verschwindet er in den pausenlosen zwei Stunden von der Bühne.

Von Anfang an ist die Stimmung vergiftet: Da brüllt der siegreiche Schütze Kilian dem verzweifelten Max seinen Spott direkt ins Ohr. Max ist hier kein Held mit Jagd-Pech, sondern einer, der unter ungeheurem Druck, unter Versagensängsten leidet. Kein Wunder bei dieser fiesen Gesellschaft: Der "Hehehe"-Chor, dessen Schadenfreude in den gestrichenen Sprechtexten ins Volkstümliche relativiert wird, bricht sich hier in all seiner Fratzenhaftigkeit und Gewalt Bahn.

Die bellend lachende Masse drängt Max bis an die Rampe, wo es keine Ausflucht gibt als die der Musik im Graben. Ein Bild, das sich später mit Agathe wiederholt, als der Jägerchor so exakt gezirkelt brüllt, als handelte es sich um Marschmusik. Dazu stemmen die Herren in ihren biederen Joppen die Bierkrüge empor, als wären es Waffen. Wenn später Roman Trekels schneidend befehlender Fürst Ottokar aufkreuzt, wird klar, warum hier alle so hierarchisch ticken: Der beherrschte Choleriker hört nur deshalb auf den versöhnlichen Rat des Eremiten, weil in der großen Hackordnung Gott eine Etage höher residiert.

Thalheimer fügt alles äußerst dicht und kraftvoll zusammen. Weil er die Sprechpartien bis auf wenige Worte gestrichen hat, entsteht ein düsteres Stakkato der Bilder und Seelenzustände. Max besitzt nichts Heldisches, entsprechend singt Burkhard Fritz Arien wie "Durch die Wälder, durch die Auen" liedhaft konzentriert, innerlich, verhalten. Auch Dorothea Röschmanns Agathe hält sich lange zurück, um sich in ihren fulminanten Ausbrüchen als Hysterikerin zu erweisen: Da wird das Waldesrauschen, das ihr Warten auf Max grundiert, zur inneren Unruhe, während die uhrwerkhaften Damen des "Jungfernkranzes" ihrer aufgepeitschten Phantasie entsprungen zu sein scheinen.

Schade allerdings, das Thalheimer für die Figurenregie dieses Paares nicht viel eingefallen ist: peinvolles Bedrücktsein hier, ahnungsvolle Blicke da sind nicht abendfüllend. Wenn Agathe einmal als Taube herumtaumelt, macht das die Sache nur bedingt besser. Als weiterer Schwachpunkt erweist sich die Wolfsschlucht. Während im Graben die Apokalypse ausbricht, trollen sich auf der Bühne sieben schwarze Gestalten (analog zu den sieben Kugeln) durch den Gewehrlauf, während Kaspar mit unsichtbaren Kräften bebt.

Schwächen, die im Verlauf des Abends nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Falk Struckmann zeigt als Kaspar in Stimme und Spiel eine beeindruckende Schwärze, die zudem aus allen Bühnenritzen zu dringen scheint. Am entschiedensten aber deutet Thalheimer das Ännchen Anna Prohaskas um: Aus dem aufgedrehten Mädchen von nebenan wird hier eine ziemlich fiese Strippenzieherin, der beim Spiel mit den Ängsten der Freundin die Pferde durchgehen, was Prohaska mit einem großartig geschärften Sopran beglaubigt.

So klingt der "Freischütz", bei aller Vertrautheit, frisch und fremd und neu – ein Triumph für die Staatskapelle, die Fröhlichkeit hier oft fahl grundiert oder effektvoll zerdehnt. Nicht das letzte Wort, aber die letzte Geste hat Moltzens Samiel, der am Deutschen Theater selten so magisch wirkt wie hier: Max und Agathe streben Hand in Hand auseinander, während Samiel sie lüstern umkreist. Was wohl so viel heißt wie: Es gibt nach der göttlich verordneten Wartefrist eine gemeinsame Zukunft. Aber ob die die Erfüllung wird? Wohl kaum.


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