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27.01.2015

Berliner Morgenpost: Mörderischer Seitensprung

Sex, Blut und Fische: Ole Anders Tandberg hat Schostakowitschs "Lady Macbeth"-Oper in ein norwegisches Fischerdorf verlegt

Dieses Russland kommt einem ziemlich skandinavisch vor: Auf einem Felshügel steht ein schlichtes Haus, robust mit Schindeln verkleidet, als hätte man es direkt von einem Fjord auf die Bühne der Deutschen Oper verpflanzt. Drumherum wimmeln Arbeiter in Gummilatzhosen und Frauen in Gummischürzen, alle mit riesigen Fischen in der Hand. Wie das wimmelt, zappelt und glitscht!

 

Dass Regisseur Ole Anders Tandberg die Oper "Lady Macbeth von Mzensk" in die Gegenwart seiner Heimat Norwegen verlegt hat, mag im koproduzierenden Oslo besonders sinnstiftend gewesen sein. Dort wurde die Inszenierung im Herbst 2014 erstmals gezeigt. Aber auch in Berlin, wo am Sonntag die bejubelte Premiere stattfand, versteht man die Geschichte und ihren Transfer aus dem zaristischen Russland, weil Tandberg ziemlich klug mit der Fischmetapher umgeht. Schon der Vorhang weist den Weg zu den drei zentralen Themen dieser Inszenierung: Sex, Blut, Fische. Deren Innereien leuchten da so blutig, weiß und schön wie ein barockes Stillleben – in der Form einer Vulva. Um Erotik und Gewalt geht es bei Schostakowitsch und seinem Librettisten Alexander Preis. Sie erzählen von Katerina, die mit dem sexuell an ihr offensichtlich nicht interessierten Bauern Sinowij verheiratet ist und vom Schwiegervater Boris gegängelt wird. Trost findet sie in den Armen des Arbeiters Sergej. Als sie entdeckt werden, müssen Schwiegervater und Mann dran glauben. Die Morde fliegen auf, Katerina und Sergej gehen ins Straflager, wo Sergej sich eine neue Geliebte sucht.

Bei Tandberg wird aus der Großbauern- eine Fischerfamilie. Ihr Reichtum speist sich allein aus den riesigen Dorschen, die alle mit sich herumschleppen: Das taugt für einen witzigen Frauenreigen an der Rampe ebenso wie als stinkendes Machtsymbol, wenn die Männer eine Köchin vergewaltigen und dabei mit ihren Fischschwänzen wackeln. Nebenbei ergibt sich eine Art Bildkommentar zur sowjetischen Diktatur des Proletariats – wenn diese dumpfe Masse tonangebend ist, will man von ihr nicht regiert werden.

Es ist eine brutale Männergesellschaft, die schon Schostakowitsch und Preis zeichnen, voll Polizeiwillkür und Denunziantentum. Mal hetzen Blechakkorde leer und hohl die Ordnungshüter auf das Brautpaar, mal wird der alte Boris karikiert, wenn er von seiner Jugend singt und dazu ein Walzer durchs Orchester spukt. Dieses Collage-Prinzip blüht im Orchester auf die herrlichste Weise. Donald Runnicles hat öfter Neueinstudierungen der "Lady" dirigiert als von allen anderen Werken. Man hört es mit jedem Ton, jeder Phrase: Oboe und Klarinette, die Katerina zugeordnet sind, singen und klagen in vollendet schmerzlicher Schönheit, während es in den Parodien deftig rumpelt, ohne dass je die Durchsichtigkeit verloren ginge.

Dass diese musikalischen wie szenischen Parodien auch der russischen Gegenwart 1934 galten, entging den kommunistischen Machthabern nicht: Zwei Jahre nach der Uraufführung besuchte Stalin die Erfolgsoper, danach erschien ein Totalverriss. Die Oper verschwand von den Spielplänen und in der Versenkung, bis der Komponist das Werk 1963 entschärfte.

Heute wird wieder die Originalfassung gespielt. Es wäre auch jammerschade um den – neben Ravels "Bolero" – berühmtesten Orgasmus der Musikgeschichte, den Schostakowitsch in der revidierten Fassung gestrichen hatte: Wenn das Glissando am Ende selbst das Erschlaffen des Glieds auspinselt, sorgt das auch heute noch für Lacher. Außerdem passen solche Momente komponierter Erotik gut in Tandbergs Konzept. Er zeigt mit Katerina eine Frau, die im Seitensprung mit Sergej ihrer Lebenstristesse entkommen will.

Verstärkt wird diese Sehnsucht nach einem anderen Leben, weil Tandberg die Blechbläser-Banda, die bei Schostakowitsch immer dann auf der Bühne aufkreuzt, wenn sich die Lage zuspitzt, als norwegischen Spielmannszug dekoriert. Dass in Norwegen jedes Mädchen in einem Spielmannszug spielt und er deshalb eine Jugenderinnerung der Katerina ist, weiß nur, wer das Programmheft studiert. Aber die ohrenklingelnde Kraft, die sich transportiert, erschließt sich auch ohne Vorkenntnisse. Dass die vorwiegend männlichen Bläser in blonden Mädchenperücken und Röcken herumspazieren, verstärkt den gespenstischen Eindruck – auch für Katerina, die in Evelyn Herlitzius eine ideale Interpretin gefunden hat. Als verhärmte und leicht heruntergekommene Frau stürzt sie sich hemmungslos in die Liebe wie in den Mord – und Herlitzius in die vokalen Herausforderungen ihrer Partie. Wie herrlich sie die verschiedenen Stadien der Hoffnungslosigkeit nuanciert, das trägt diesen Abend und erlaubt ein Mitfiebern.

Ihr düsteres Umfeld pinselt John Tomlinson als fieser, machtgeiler Schwiegervater Boris, dessen noch immer kraftvoll-sonorer Bariton sich im Kampf mit dem Orchester zuweilen aufreibt, ebenso genüsslich aus wie Thomas Blondelle als trotteliger, nicht minder brutaler Ehemann Sinowij mit vokalen Pisack-Attacken. Maxim Aksenov macht als Sergej schon in der Vergewaltigungsszene klar, dass man von ihm als Mann keine Wunder erwarten sollte. Aber seine Arme sind so kräftig, seine Stimme besitzt tenorale Strahlkraft und Schmelz – wer sollte da widerstehen? Auch hier ist die Musik klüger als die Protagonisten, die Sergejs Selbstdarstellung als sensibler Lover als Lüge entlarvt. Eine Musik, die sich beständig wandelt zwischen Kommentar und Einfühlung, Illustration und sinfonischer Vertiefung, eine Musik, die höchst lebendig glüht. Und damit in jedem Takt mehr Menschlichkeit besitzt als die Gesellschaft, von der sie erzählt.


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