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03.09.2011

nachtkritik.de: Tickende Weltuhr im Bauch

Merlin oder Das wüste Land – Antú Romero Nunes inszeniert Tankred Dorsts Tafelrundenspiel.

Am Anfang dreht sich nur ein Baum auf der dunklen Bühne, aus dessen wackelnder, klingelnder Krone zwei Narren purzeln, spielbereit. Am Ende liegt die Bühne wieder wüst und leer, nicht mal ein Baum schüttelt sich – aber die zwei Clowns sind immer noch da. "Ich will nicht mehr spielen, es ist doch alles sinnlos", jammert er. Und sie? Zirpt im kindlich süßesten Quengelton: "Trotzdem spielen". Bis das Licht verlischt.

Das ist so ein typischer Nunes-Schluss: Argument prallt auf Gegenargument, Resignation auf Hoffnung. Eine bessere Lösung als Hölderlin auf die Frage, was der Mensch sei, weiß Regisseur Antú Romero Nunes auch nicht: "Ich bin noch da", sagt Artus am Ende seines "Hyperion"-Monologs, den schon Tankred Dorst und Ursula Ehlers vors Finale ihres "Merlin oder Das wüste Land" stellten.

Wie mit Knallerbsen gezaubert

Dass sie da sind, ist schließlich auch die einzige Gewissheit der Helden und Versager in diesem maßlosen Weltentwurf, ein Antwortversuch des 20. Jahrhunderts auf "Faust" und den "Ring des Nibelungen", so prall an (Artus-)Geschichten, Bildern und Deutungen, dass man bei knapp 400 Seiten und weit über 50 Charakteren schon wissen muss, was man erzählen will, um sich nicht vollkommen im literarischen Unterholz zu verheddern.

Man muss sich Nunes wohl als eine Art Merlin vorstellen, ein kindlich naiver Ausprobierer, der hier mal ein paar Knallerbsen hinpfeffert, dort die Windmaschine anschmeißt und so im Hamburger Thalia Theater in dreieinhalb Stunden und mit neun Spielern eine Welt erschafft aus Fantasie und Magie: Ein Brett gilt als Tür, eine Bretterwand als die Tafelrunde (als Quadratur des Kreises, sozusagen), die bald schon Lücken aufweist. Auf einem Labyrinth aus Papierbahnen blühen die allerschönsten Projektionen: Psychedelisch bunte Landschaften wachsen samt tickender Weltenuhr in Merlins Magen, der später den Narr verschluckt und wieder ausspuckt. Vom Mars-Refugium aus lässt sich gemütlich der Erduntergang beobachten. Dazu salbt ein Chor von den Rängen aus die Bilderflut emotionssatt mit Requiem- und Gloria-Klangflächen.

Jux gegen Pathos, Gefühl gegen Ernüchterung

Merlins Schöpfungsprozess beginnt als Aneignung. Kaum ist er auf der Welt, will er, anders als seine Narren-Eltern, nicht Quatsch, sondern Sinn. Mit dem Kronleuchter entdeckt er die Sterne und uns, das Publikum ("Die sind immer da", sagt sein Vater-Clown, und aus seiner Perspektive stimmt's). Während man noch lacht über diese Pointe, trifft einen Merlins metaphysisch naive Erkenntnis ins Mark: "Ihr sterbt ja!"

So heiß-kalt skizziert Nunes Illusionen und Emotionen, kantet Jux gegen Pathos, Gefühl gegen Ernüchterung, ein schillernder Orkan der Bilder und Brüche, in dessen stillem Auge die herzzerreißende Wahrheit ruht: Wir sind sterblich, DEN Sinn gibt es nicht, aber wir sind da. Immerhin. 

Bei Jörg Pohls Merlin kommt noch ein "Hoppla" hinzu: Leicht verpeilt, ein großer Knabe mit großen, neugierigen Augen und Schelmengrinsen unter dem Rastalockenschopf, vergreift er sich schon mal in der Methode, wenn er Galahad die Ewigkeit schauen lässt und ihn danach nicht mehr so richtig zum Laufen kriegt (bewundernswert Sebastian Zimmlers Körperbeherrschung als Zombie-Automat). Als Artus, dieser freundlich-melancholische Weltverbesserer mit eingeschränktem Machtbereich, am Ende kritisch anmerkt, dass vielleicht Merlins Prophezeiung, sein Sohn Mordred könne ihm gefährlich werden, Schuld sei an dem ganzen Schlamassel (weil der sich vom frühen Mordversuch des Vaters nie richtig erholt und schließlich der Krone sich bemächtigt wie ein Richard III.), sagt der nur: "Dumme Sache."

Dicht an der Fantastik

Was soll man auch groß sagen nach so einer "Die Tafelrunde sucht den Superritter"-Story mit schmachtendem Ehebruch, Nachwuchsdiktator-Imitator und blödtumben Gralssucher? Vielleicht: Was für ein Versuch! Nichts weiter als die Vision einer gerechten Welt skizziert André Szymanskis gelassen privater Artus, ein gelehriger Schüler seines Zauberfreundes. Aber natürlich scheitert die Sache an den menschlich-allzumenschlichen Fallstricken. Der Liebe, zum Beispiel, vor der Franziska Hartmanns etwas steife Ginevra und Daniel Lommatschs überkorrekter Lancelot mit einer Wucht kapitulieren, die jeden Einspruch vergessen macht. Oder am Liebesentzug: Rafael Stachowiaks Mordred schwitzt eine klebrige Verlorenheit aus, die jede Grausamkeit als Schrei eines ungeliebten Kindes nach der Aufmerksamkeit des Vaters nachvollziehbar macht. Oder an der Blutspur, die Julian Greis' naive Bestie Parzival hinterlässt auf seiner autistischen Heilssuche.

Und doch bleibt das fantastisch. Alle wissen: Wir spielen. Zumal die grandiosen Clowns Mirco Kreibich und Lisa Hagmeister, Narren aus dem Geist der Commedia, puckisch-tückische Einmischer, Einspringer und Antreiber, um das teuflisch unterhaltsame Spiel am Laufen zu halten. Aus einer Laune heraus – wie schon Merlins Erzeugung. Nur als der schließlich im Dornbusch gebannt ist und der Zauber perdu, halten auch sie sich zurück: Auf der kahlen Bühne, dem wüsten Land, steuern die verbliebenen Menschlein unaufhaltsam, lustlos fast, auf das unvermeidliche Ende zu. Ein Spiel? Ja, aber was für eins!


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