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08.03.2015

Berliner Morgenpost: Aufstand der Nonnen

Romeo Castellucci hat "Ödipus" an der Schaubühne christlich umgedeutet

Es gibt Künstler, die glauben, sie müssten stellvertretend leiden – um das Publikum zu erlösen oder ihr Erleben zu intensivieren, man weiß es nicht genau. Der italienische Regisseur Romeo Castellucci ist so einer, der nicht nur von seinen Darstellern extreme Leistungen fordert. Sondern auch von sich selbst: Überlebensgroß flackert ein Video über die weiße Bühnenrückwand, das zeigt, wie sich Castellucci von einem Assistenten Pfefferspray in die Augen sprühen lässt. Er krümmt sich vor Schmerzen, reibt sich das tränende Gesicht, tappt blind zum nächsten Waschbecken und lässt sich von einem Sanitäter die Augen ausspülen.

Diese temporäre Blendung passt zur dauerhaften des griechischen Königs Ödipus, der sich die Augen ausstach, nachdem er erkennen musste, dass er unwissentlich nicht nur seinen Vater umbrachte, sondern auch noch die eigene Mutter schwängerte. Überliefert ist die Geschichte bei Sophokles, dessen Drama Friedrich Hölderlin als "Ödipus der Tyrann" übersetzte.

Dass Castellucci ein Hölderlin-Fan ist, weiß man seit "The Four Seasons Restaurant" 2012 und seit "Hyperion. Briefe eines Terroristen" 2013. Auch jetzt heißt das Konzept an der Schaubühne wieder: Frauen, Pathos, Deklamation. Etwa 20 Minuten lang zeigt uns Castellucci wortlos ein Kloster: Eine alte Nonne stirbt, ihre Schwestern singen ihr das Requiem, schließlich findet Angela Winklers Oberin unter dem Sterbebett eine "Ödipus"-Ausgabe. Vermutlich kennt sie nichts von der Welt als dieses Frauenkloster und die christliche Mythologie, weshalb sich bei ihrer Lektüre alles vermischt. Denn nun verschwinden die schwarzen Wände mit ihren Rundbögen, wird die Gaze weggezogen, erscheint statt schattiger Tableaus mit altmeisterlicher Beleuchtung ein riesiger weißer Kirchenraum mit Altar und Apsis (die Ausstattung stammt von Castellucci selbst).

Hier überlagern sich die christliche Bilderwelt in 19.-Jahrhundert-Kitschoptik und antikes Personal: Ödipus ist bei Ursina Lardi ein Christus mit halb entblößter Brust und brennendem Herzen. Widersacher Kreon hält bei Jule Böwe den Schlüssel des Petrus, als Ödipus' Mutter-Schwester Jokaste trägt Iris Becher die Symbole der Jungfrau Maria im Moment der Verkündigung. Der blinde Seher Tiresias schreitet bei Bernardo Arias Porras als Johannes der Täufer mit Kreuz und echtem Lamm herein. Sie alle deklamieren mit großen Gesten das, was hier vom Text übrig geblieben ist. Selten leuchtet das mal auf wie in Ursina Lardis Erkenntnistränen. Am Ende blutet die Hostie, stürzt der Altar um, befreien sich die Nonnen vom Schleier. Revolution im Kloster! Das hat durchaus Humor – unfreiwilligen.


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