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07.03.2015

Berliner Morgenpost: Auf der Flucht nach Berlin

"Unerträglich lange Umarmung" am Deutschen Theater Berlin

Was machen existenziell verlorene Menschen Mitte 30, die in New York gestrandet sind und sich entsetzlich unglücklich fühlen? Sie fliegen nach Berlin. Jedenfalls in "Unerträglich lange Umarmung" von Iwan Wyrypajew, einem Auftragswerk des Deutschen Theaters. Bald erfahren sie, dass es hier zwar keine Wolkenkratzer gibt, die "Plaste"-, also Konsumwelt aber die gleiche ist. Am Ende sind sie alle tot, oder besser: in einer anderen Galaxie, wie die Heilserwartung an ein Jenseits hier heißt. Die Erkenntnis, die durch die Dialoge geistert, ist eine der alten Griechen: Dass nämlich für die Sterblichen das Beste sei, nicht geboren zu werden.

Berlin als Schauplatz ist nicht nur bei Filmemachern und Romanautoren angesagt, sondern auch bei Dramatikern. Neulich erst wurde Marianna Salzmanns Berlin-Stück "Wir Zöpfe" uraufgeführt, auch Paul Brodowsky, Mario Salazar und Juri Sternburg lassen ihre Stücke hier spielen. Dass aber Berlin trotz einiger konkreter Orte konturlos bleibt in "Unerträglich lange Umarmung", nur Symbol ist für oberflächliche Easyjetset-Fluchten, weist schon auf ein Problem des Stücks hin: Es geht nicht um konkrete Individuen, sondern um Platzhalter für eine ganze Generation.

Die Figuren sprechen in der dritten Person über sich und behaupten ständig, etwas "jetzt" zu tun, auch wenn ihre Situation statisch bleibt. Das ist ebenso eine Herausforderung für die Regie wie die klischeehaft konstruierten Verwicklungen der vier: Charlie ist mit Monika verheiratet, die ihr Kind abtreibt und darunter leidet, während er mit Emmy fremdgeht. Die begegnet kurz darauf Kryštof. Im Taumel aus Sex und Beinahe-Verliebtheit versucht sie sich umzubringen. Dass drei der vier Protagonisten einen Migrationshintergrund haben, spielt keine Rolle: Entwurzelt fühlt sich auch der gebürtige New Yorker.

Egal, wer hier gerade mit wem schläft – was sie verbindet, ist ihre Desorientiertheit, ihr Leiden an der Welt, weshalb alle immerzu "verfickt noch mal" sagen. Irgendwann ruft bei allen mal das Universum an, eine Art zynischer, postreligiöser Gott, der die Fäden zwischen den Figuren spinnt und sie schließlich in den Tod begleitet. Gut möglich, dass Wyrypajew uns das alles nur erzählt, um uns zu sagen: Seid anders als die da auf der Bühne, zeigt Verantwortung! Aber dafür ist die Häufung von Banalitäten zu aufwendig gemacht.

Andrea Moses packt das Stück zur Uraufführung in den Kammerspielen ziemlich pragmatisch an – und viel zu brav. Sie setzt ihre vier Schauspieler auf Stühle in Rebecca Ringsts überdeutliches Bühnenbild, das die Plastikwelt zeigt – weiße Kunststoffbahnen hüllen den Raum ein, fallen später zusammen, werden von der Windmaschine aufgebläht und von den Schauspielern zu einem Müllhaufen zusammengeschoben. Die wechseln ständig die Kostüme, als setzten sie in jede neue Jacke, jeden neuen Rock die Hoffnung auf einen Neuanfang. Einmal schlüpft Emmy in ein Eisprinzessinnendress, simuliert sie mit Kryštof kunstvolle Figuren, während sie von ihrem Kennenlernen sprechen.

Daniel Hoevels als Kryštof probt unter seiner Hippiematte hervor den naiven Blick und das manische Staunen, Moritz Grove mit James-Dean-Tolle kaut seinen Amerikaner Charlie zunächst lässig hin, um ihn dann euphorisiert durch die Berliner Nacht stolpern zu lassen. Franziska Machens als tätowierte Emmy bleibt hinter einem Geheimnisschleier, Julia Nachtmann dämpft die Hysterie ihrer Figur auf ein erträgliches Maß. Sie alle bemühen sich redlich, aus ihren Charakterhülsen individuelle Funken zu schlagen. Es hilft wenig, die knapp zwei Stunden ziehen sich unerträglich hin.


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