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22.02.2015

Berliner Morgenpost: Wenn dem Publikum im Theater die Fantasie durchgeht

"Misses und Mysterien – ein choreografisches Hörspiel" am HAU

Hört man eine anschauliche Beschreibung, blühen die herrlichsten Szenen vor dem inneren Auge – auch dann noch, wenn man vor sich etwas anderes sieht. Aus dieser Differenz haben Antonia Baehr und Valérie Castan mit "Misses und Mysterien – ein choreografisches Hörspiel" einen kleinen, feinen Abend gebastelt. Im HAU 3 sieht man zunächst nichts, dann im Halbdunkeln jene Bühne auf der Bühne, die Anna Schmidt mit samtweicher und doch leicht knackender Radiostimme vorher beschrieben hatte. Die Personen, die sie zwischen Miniaturhaus mit Puppenstubencharme und viel zu kleinem Armstuhl verortet, sieht man zunächst nicht; später schlüpft William Wheeler mit Langhaarperücke in diese Rollen.

Da hat sich das belebte Bild längst von seiner Beschreibung gelöst. Was ist wahr: Das, was wir hören? Das, was wir sehen? Oder das, was sich erst im Kopf zusammensetzt? Wenn Wheeler als brünette Frau elegante Posen einnimmt oder als Mädchen tanzt, ist das oft komisch und berührend zugleich. Während auf der Bühne nur seine Hände über dem Puppenhaus flirren, sieht das innere Auge ganze Tanzszenen. Auch, weil Andrea Neumann am Innenklavier das Thema von Tschaikowskys "Schwanensee"-Ballett verfremdet. Nebenbei bringen Baehr und Castan Genderdiskurse lässig zum Schwingen: Die Mädchen, von denen die Rede ist, tragen konsequent Jungennamen. Und wenn die Erzählerinnenstimme nur genug darauf besteht, sieht man statt dem androgynen Wheeler tatsächlich eine Achtjährige tanzen.

Immer wieder wird die trockene Bildbeschreibung zum fantastischen Bilderrätsel, wenn Schmidt erzählt, wie Wheelers Bein über die ganze Bühne wächst oder die Decke, auf der er sitzt, abhebt wie ein fliegender Teppich. Und das innere Auge? Macht alles mit, obwohl auf der leuchtenden Bühne nur wenig passiert. Vorbild für Baehr und Castan war John Smith' Kurzfilm "The Girl Chewing Gum" von 1976, den man auf YouTube nachsehen kann – eine Stimme scheint da Szenen zu dirigieren, bis die Schere zwischen dem, was man sieht und dem, was man hört, auseinanderklafft.

Baehr hat schon oft bewiesen, wie leicht und gewinnbringend man die Publikumswahrnehmung verschieben kann: In "Lachen", wo sich niemand dem Mitglucksen entziehen konnte, und im "Abecedarium Bestiarium", wo sie die Grenzen zwischen Mensch und Tier auflöste. Zusammen mit Castan, einer Expertin für Tanz-Audiobeschreibungen für Blinde, hat sie erneut Grenzen verwischt. Mit einer wunderbaren Pointe: Wenn am Ende die Erfinderinnen schlafen gehen, geht auch in unserem Kopfkino das Licht aus.


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