Archiv Referenzen

24.02.2015

Berliner Morgenpost: Im Haus tanzen Soldaten und ein Nashorn schnarcht

Was braucht man, um eine Geschichte zu erzählen? Vor allem einen, der sie erfindet.

Im Theater an der Parkaue steht Johannes auf der Bühne. Der junge Mann in Hemd, Fliege und Weste birst fast vor Stolz und Spannung. Vor einem roten Vorhang und hinter zwei Holztischen wendet er sich an die Zuschauer, um die Geschichte vom "Unmöglich möglichen Haus" zu erzählen: Stell dir vor, du irrst durch lange Korridore und landest in einem Raum, wo sich Bücher stapeln.

 

In einem dieser Bücher begegnen wir einem gezeichneten Mädchen, das nach seiner ebenfalls gezeichneten Spinne sucht – und natürlich helfen wir dabei. Also: Johannes hilft, aber weil er uns weiterhin direkt anspricht und zum Handelnden macht, sind wir im Kopf immer dabei, wird seine Geschichte zu unserer eigenen. Als Anreize fürs Kopfkino werden gezeichnete Details auf Pappen projiziert, die Johannes spontan auf den Tisch stellt: Da tanzen Soldaten, schnarcht ein Nashorn, nuschelt eine Katze.

Mit fantasievollen Videos haben Forced Entertainment, eine der renommiertesten freien Gruppen weltweit, schon oft gearbeitet, aber noch nie für das Kinder- und Jugendtheater. "Das unmöglich mögliche Haus" ist ihr beeindruckender Einstand für Menschen ab acht – und eine Erzählung über das Erzählen. Die Spinnensuche, die uns durchs labyrinthische Haus zu verschiedenen Aufgaben und Abenteuern führt, wäre bald zu Ende – wenn nicht Caroline immer wieder Stolpersteinchen ins Erzählgetriebe werfen würde. Sie sitzt, ebenfalls ziemlich elegant in grünem Abendkleid und glitzerndem Bolero-Jäckchen, am Geräuschetisch nebenan. Mit höchstem mimischen und gestischen Aufwand lässt sie den Finger auf dem Wasserglasrand kreisen oder sucht fiese Tonkombinationen auf dem Keyboard – je nach Stimmung und Situation der Erzählung. Die scheint für sie neu zu sein, schließlich unterbricht sie Johannes immer wieder, um neue Geräusch-Vorschläge zu machen, aber auch, weil sie richtig mitspielen will, zum Beispiel die Stimme des Mädchens einsprechen möchte.

Am Ende wird deutlich, dass "Das unmöglich mögliche Haus" die Fantasie selbst ist. So banal das klingt, so wunderbar charmant und schlicht ist den Regisseuren Timm Etchells und Robin Arthur die Umsetzung gelungen, so lustvoll und fein nuancieren Caroline Erdmann und Johannes Hendrik Langer ihre beiden Erzähler. Nach 75 Minuten gibt es ein Happy End – und eine Anleitung, wie man jederzeit in das unmöglich mögliche Haus zurückkommt.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung