Archiv Referenzen

23.03.2015

nachtkritik.de: Living in Queer Street

Kolumne: Queer Royal – über die Kraft der unklaren Begriffe

 

Kaum war meine erste "Queer Royal"-Kolumnedraußen, gab's was auf die Finger (mit dem Lineal gewissermaßen, dabei wäre doch die Federboa so viel wirkungsvoller): "Theorie und Geschichte von 'queer' sollten schon bekannt sein, wenn man seine Kolumne so nennt. Nachsitzen bitte!", schrieb ein Bekannter auf Facebook. Sein Vorwurf: Ich haue unkritisch die unterschiedlichsten Dinge in einen Topf: schwul und lesbisch mit queer etwa.

Was ja nicht mal weit hergeholt ist: Längst dient "queer" in der Alltagssprache als praktisches Synonym für lesbisch, schwul, trallala. Ein Lifestyle-Begriff – ausgerechnet für ein Wort, das dazu dienen sollte, die Privilegien der herrschenden heterosexuellen Ordnung zu hinterfragen, ihre Norm-Bildung, ihre Macht. Kurz: um dem heterosexuellen weißen Mann an den gebügelten Kragen zu gehen.

Weiß ich natürlich auch nur, weil ich das mit dem Nachsitzen ernst genommen und eine Einführung in die "Queer Theory"  gelesen habe. Meine Erkenntnisse (Kundige und Erklärbär-Genervte können zwei Absätze überspringen): Sicher lässt sich Queer mit "seltsam" oder "merkwürdig" übersetzen, in diesem Fall aber am ehesten mit "pervers". Denn historisch gesehen taugte queer für alles, was deplatziert war, sich übertrieben gebärdete, störte: Geisteskranke, Menschen mit ungeordneten finanziellen ("He's living in Queer Street") und sexuellen Verhältnissen. Ein Schimpfwort, das die Betroffenen – schwule Männer – allmählich stolz in eine Selbstbezeichnung umwandelten.

Die poststrukturalistisch beeinflussten Theoretiker der 80er und 90er machten daraus eine kritische Methode, um die gesellschaftliche Regulierung von Sexualität und Geschlecht auseinanderzunehmen: Leute, guckt mal, die Strukturen sind aus den und den Gründen so – und das muss nicht so bleiben. Heute ist "queer" trotz und wegen aller Theorie vor allem offen: fragmentarisch, flexibel, dialogisch. Und damit anfällig für Beliebigkeit, ein Gemischtwarenladen aus Selbstvergewisserung (dabei sieht die Queer-Theorie Identität äußerst kritisch) und Pop, irgendwie politisch, aber vor allem schön bunt.

Weiterlesen...


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung