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12.04.2015

Berliner Morgenpost: Und ewig walzen die Walzer

"Geschichten aus dem Wiener Wald" im Hans-Otto-Theater

Was wird hier gespielt? Auf dem Bühnenvorhang des alten Theatersaals, den Wolfgang Menardi mit vergilbten Wänden und Graffitis mit deutlichen Gebrauchsspuren versehen hat, steht zu Beginn: "Die lustige Witwe". Eigentlich zeigt das Hans Otto Theater Potsdam Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald". Allerdings zieht sich eine Musikspur durch die Inszenierung von Alexander Nerlich, die es in sich hat. Schon Horváths Titel bezieht sich auf einen Strauß-Walzer. Nerlich und sein begnadeter Musiker Tilman Ritter an Klavier und Elektrogeräten zitieren entsprechenden sentimentalen Bildungsballast: Schumann und Offenbach, dazu walzt die "Schöne blaue Donau" und swingen die Operettenschlager, dass es zum Mitschunkeln wäre, haute sie uns Nerlich mit Horváth nicht so trocken um die Ohren.

 

Schließlich geht es bei Horváth um Menschen in der Krise, der wirtschaftlichen wie der persönlichen: Marianne, die große Leidensfigur, flieht aus der Verlobung mit dem tumben Fleischer Oskar in die Arme des Hallodris Alfred, bekommt mit ihm ein Kind, wird vom Vater verstoßen und landet am Ende – da ist das Kind tot und Alfred längst wieder bei seiner alten Gönnerin Valerie (selbst eine lustige Witwe) – erneut in Alfreds Armen, dessen Prophezeiung sich bestätigt: "Du wirst meiner Liebe nicht entgehn." Mariannes verzweifelter Versuch auf Selbstbestimmung wird von den anderen mit Kalendersprüchen und Binsenweisheitsphrasen zerredet, die nur notdürftig egoistische Fratzen verbergen.

Diesen Kitsch, den Horváths Personal immerfort aufruft, überhöht Nerlich mit seiner Klangspur, die geschickt das Geschehen kommentiert – gerne auch mal rück- oder vorwärts. Das ist ein spannendes Konzept, zumal Nerlich dazu große, oft opernhafte Bilder komponiert: Stiche und Gemälde, deren Prospekte aus dem Bühnenhimmel sausen, markieren Ortswechsel (und sind selbst nur Zitat). Wenn Marianne und Alfred im Elend leben ("La Bohème" lässt grüßen), dann glotzen die Anderen romantisch in ihren Theatersesseln. Und wenn Marianne im Nachtklub tanzt, dann ist das selbst großes Verführungstheater, hinter dessen großen Kostümen die nackte Verzweiflung hockt.

Dass sich dennoch kein großer Abend rundet, liegt vor allem an den Schauspielern. Ja, Horváth hat sein Personal zuweilen ziemlich grob geschnitzt. Aber wie hier Abgründe vor allem behauptet und mit Macken aufgemotzt werden, grenzt an Fahrlässigkeit. Dass bei Zora Klostermann Marianne vor allem großäugig mit den Armen schlackert, raubt dem Abend sein Zentrum. Da kann Holger Bülow als Alfred noch so schön Buster Keaton imitieren und Florian Schmidtke seinem Oscar menschliche Züge abgewinnen – im Gruselkabinett der hysterischen Textabsolvierer fehlen ihnen die Dialogpartner. Schade.


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