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14.04.2015

Berliner Morgenpost: Der Weltverschwörung auf der Spur

"Herr Fritz vom Geheimdienst" im Theater an der Parkaue ist ein James Bond für Kinder

So aktuell ist Theater selten: Vor wenigen Tagen erst hatten islamistische Hacker den französischen Sender TV 5 Monde lahmgelegt, jetzt skizziert David Lindemanns Kinderstück "Herr Fritz vom Geheimdienst" diese Bedrohung. Denn die führenden Schurken der Welt kooperieren, um die Weltherrschaft zu erobern, indem sie die Sprache im Netz verwirren. Wer sich verständigen will, muss einen von ihnen entwickelten Decoder kaufen – und macht die Superreichen noch reicher.

 

Da allerdings ist der titelgebende Herr Fritz vom Geheimdienst davor, der die Sprache im Netz regelmäßig entwirrt. Dass ihm niemand auf die Schliche kommt, liegt an seinem braven Äußeren – und seinem Tarnjob als Lokführer. An James Bond erinnert tatsächlich nur die jazzig-pompöse Filmmusik. Und die Chefin vom Weltschurken-Verbund M.O.N.S.T.R.E., die aussieht wie Bonds Chefin M. Was wiederum mit der Auflösung des Agententhrillers für Kinder zu tun an, für die Selma und Ayse sorgen. Selma ist die Tochter von Herrn Fritz, Ayses Mutter mischt als Investigativ-Journalistin mit beim Versuch, alles über M.O.N.S.T.R.E. und die Rolle des Geheimdiensts herauszufinden.

Lindemanns Stücke sind sonst eher an Häusern wie der Volksbühne (wo er mal Dramaturg war) und dem Gorki-Theater zu sehen. Zuletzt konnte man in Berlin seine Bankenkrisenkomödie "Getränk Hoffnung" bei den Autorentheatertagen 2011 erleben. Seinem Kinderstück für das Theater an der Parkaue merkt man die Lust an, mit Detektiv- und Agentenklischees zu spielen und sie mit Gegenwartsherausforderungen zu würzen. Dass sich immer mal wieder gelegte Spuren verlaufen und einige schöne Ideen nicht ausgebaut werden (wie der, dass Buchstaben das Mächtigste auf der Welt sind), fällt nicht so sehr ins Gewicht, weil die Story Tempo besitzt, einige unerwartete Wendungen und eine Sprache, die komplex bleibt, ohne die Kinder ab neun Jahren zu überfordern.

Wo Realismus so abwesend ist wie in einem Bond-Streifen, setzt Regisseurin Katrin Hentschel, die hier ihr Debüt als neue Oberspielleiterin der Parkaue gibt, ebenso wie Lindemann auf Tempo, Charme und Witz. Jens Dreske hat ihr ein zweistöckiges Haus auf die Bühne gebaut, wo sich Jalousien heben und senken und den Blick freigeben auf Geheimdienstbüro, Bonbonladen, Wohnung und M.O.N.S.T.R.E.-Zentrale. Geschlossen werden sie zur Projektionsfläche für die Superschurken, die sich per Videokonferenz verständigen.

Hier ist Selmas und Ayses Reich, bei Marie Gesien und Lea Willkowsky zwei ziemlich aufgedrehte Kids, die als Abenteurerin und Superhirn zuerst Herrn Fritz und dann M.O.N.S.T.R.E. auf die Spur kommen. Nach 80 Minuten ist die Welt gerettet – für diesmal.


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