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30.04.2015

zitty: Der Gipfel

Das Berliner Theatertreffen gilt als Leistungsschau der Branche. Die Auswahl, die
sich hinter dem dehnbaren Adjektiv „bemerkenswert“ verschanzt, wird gern als Bestenliste missverstanden, obwohl sich die Entscheidungen der siebenköpfigen Kritikerjury zuverlässig als rätselhaft erweisen. Dennoch: Auch dieses Jahr lassen sich wieder Trends und Themen der aktuellen deutschsprachigen Bühnenlandschaft herauslesen.

1. Merkmal: Das Thema

Klares, wichtiges, erschreckend aktuelles Thema in diesem Jahr: Krieg, Flucht, Vertreibung. Ein besonderes Zeichen ist die Eröffnung, Nicolas Stemanns Jelinek-Uraufführung „Die Schutzbefohlenen“ vom Thalia Theater Hamburg – mit einem Chor echter Flüchtlinge. Hier hat uns die Nobelpreisträgerin in bitterbösen Wortkaskaden um die Ohren, was uns gerade täglich umtreibt: die Mittelmeertoten und den Zynismus Europas. Aber auch danach lässt uns das Thema nicht los: Frank Castorf verlegt Brechts „Baal“ in die Indochina-Kriege, Yael Ronen bricht mit Schauspielern, die als Kind vor dem Krieg in Jugoslawien geflohen sind, in die Vergangenheit auf. In Ewald Palmetshofers „die unverheiratete“ wirkt der 2. Weltkrieg bis heute nach. Und auch Wolfram Lotz spielt grimmig mit dem Thema Krieg, wenn er zwei deutsche Soldaten in „Die lächerliche Finsternis“ schickt, in diesem Fall einen fiktiven Hindukusch, wo sie der Welt abhanden kommen.

2. Merkmal: Heimspiele

Frank Castorf – wer sonst. Es ist seine 14. Einladung zum Theatertreffen, er zieht so mit Christoph Marthaler gleich und ist dicht dran an den Spitzenreitern Stein, Peymann und Zadek. Klar, dass man seinen Münchner „Baal“ nicht umgehen konnte nach der Auseinandersetzung mit den Brecht-Erben vor Gericht, weil der Regisseur den Text des Autors gesampelt hat – mit viel schwer Verdaulichem aus der rechtsnationalen Ecke. Deshalb ist „Baal“ auch nur ein (letztes) Mal zu sehen, bevor die Inszenierung eingemottet werden muss. Dass die Jury mit Castorfs Resi-Inszenierung ins aktuelle Berliner Wespennest stechen würde, konnte sie bei ihrer Entscheidung noch nicht ahnen – die Debatte um Castorfs Nachfolge an der Volksbühne kocht weiter hoch, die Kulturstaatssekretär Renner Gerüchten zufolge zu einem kuratierten Haus unter Leitung von Tate-Modern-Chef Chris Dercon umbauen will.

Weitere Heimspiele: Ivan Panteelevs „Warten auf Godot“–Inszenierung vom Deutschen Theater ist als nachgeschickte Gotscheff-Verneigung dabei. Vor allem aber: Endlich ist Yael Ronen eingeladen, endlich wird das Gorki Theater unter Shermin Langhoff und Jens Hillje gewürdigt, das amtierende „Theater des Jahres“. Das Gorki hat auch gleich ein zweites Heimspiel: Daniel Cremers am Studio R entwickeltes „Talking Straight Festival“ ist zum Stückemarkt des Theatertreffens eingeladen, das in diesem Jahr wieder als europaweiter Wettbewerb funktionierte und jetzt drei Stücke und zwei Projekte versammelt.

3. Merkmal: Castorfs Enkel

Um die unmittelbar von Castorf beeinflusste Generation ist es in diesem Theatertreffen-Jahrgang erstaunlich ruhig geworden. Jetzt regieren die Enkel, die mit neuer Lust am Zertrümmern und Neuzusammensetzen von Stücken, an Video und Effekten versuchen, sich Castorfs Erbe frisch anzueignen. Drei der Eingeladenen sind unter 35, zwei weitere unter 40. Ob sich da Gemeinsamkeiten einer Enkel-Generation abzeichnen oder ästhetisch jeder für sich wurschtelt, wird das Festival zeigen.

4. Merkmal: Neue Dramatik

So viele neue Texte beim Theatertreffen sind selten – bei fünf Uraufführungen wären  die Hälfte der Einladungen auch was für die Autorentheatertage am Deutschen Theater gewesen. Dabei zeigt sich die ganze Breite heutiger Bühnentexte: Genuine Dramatik wie Edward Palmetshofer, Textflächen wie Elfriede Jelinek, Hörspiele wie Wolfram Lotz, Romanadaptionen wie Judith Schalansky, Stückentwicklungen wie Yael Ronen. Vor diesem Hintergrund dürfte die durch Castorfs „Baal“ angestoßene Debatte spannend werden, was ein Regisseur mit Texten dürfen soll und wo genau sich der Autor im Kraftfeld einer Inszenierung positioniert.

5. Merkmal: Die Frauen kommen

Jahrzehntelang war das Theatertreffen analog zum deutschsprachigen Theater eine Männerbastion, gelegentlich aufgelockert durch Einladungen von Choreografinnen wie Pina Bausch und Reinhild Hoffmann. Dann kam Andrea Breth, die es mit neun Einladungen immerhin unter die Top Ten der Regisseure schafft. In letzter Zeit wurde Karin Henkel zum Theatertreffen-Dauerbrenner, was zuweilen mit etwas gequälten Inszenierungen wie eine Quoten-Pflichteinladung wirkte. In diesem Jahr ist Henkel wieder dabei, aber eben auch endlich Yael Ronen (die mit „Dritte Generation“ immerhin schon mal in der Diskussion war). Und – zum zweiten Mal nach „Fegefeuer in Ingolstadt“ 2014 – Susanne Kennedy.

6. Merkmal: Der Schwerpunkt

Auch neu: Es gibt einen Schwerpunkt. Der ist dem großen Filmemacher Rainer Werner Fassbinder gewidmet, dessen Stücke und Drehbücher auf deutschsprachigen Bühnen in den letzten Jahren rauf und runter inszeniert wurden. Kennedys Inszenierung „Warum läuft Herr R. Amok?“ von den Münchner Kammerspielen ist nur der Anlass für die Berliner Festspiele, unter deren Flagge das Theatertreffen segelt, mit den interdisziplinären Muskeln zu spielen. Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau gehört ebenso dazu wie eine Filmnacht, ein Fernseh-Zimmer und mehrere Berliner Inszenierungen, darunter auch Thomas Ostermeiers „Die Ehe der Maria Braun“, die 2008 von den Münchner Kammerspielen zum Theatertreffen kam und seit einiger Zeit in komplett neuer Besetzung an der Schaubühne läuft. So schließt sich der Kreislauf beim Berliner Klassentreffen der Theaterszene.


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