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02.05.2015

Berliner Morgenpost: Die Stimmen der Heimatlosen

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters versucht Regisseur Frank Abt, Handkes Kreisen um die Wunden seiner Familie nah ans Publikum zu rücken.

Diese Geisterbeschwörung hat es in sich: In "Immer noch Sturm" nähert sich Peter Handke in einer dunkel leuchtenden, plastisch knackenden Sprache, die oft fremd erscheint und dann wieder äußerst vertraut, von seiner Familiengeschichte. Die Vorfahren seiner Mutter waren slowenische Kärntner, eine unterdrückte Minderheit in Österreich mit eigener Sprache, eigenen Traditionen. Unter den Nazis wurden sie nahezu ausradiert, den Rest besorgten die Anpasser der Nachkriegszeit. Handkes Vater wiederum war deutscher Wehrmachtssoldat, Mitglied der verhassten Herrenmenschen, Handke selbst der ungeliebte "Bankert". Eine Geschichte, die die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts spiegelt, verkörpert in ihm, dem Erzähler.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters versucht Regisseur Frank Abt, Handkes eindrückliches Kreisen um die Wunden seiner Familiengeschichte nah ans Publikum zu rücken. Wie schon in seiner "Jochen Schanotta"-Inszenierung sitzt das Publikum auf der Bühne und schaut auf eine kleine runde Insel, die sich langsam vor sich hindreht. Ihre Kulissenteile spiegeln das Fragmentarische von Handkes Denk- und Erinnerungsgebäude: Küche, Schlafzimmer, Stube sind nur angedeutet.

Hier versammeln sich die Herbeigerufenen, Herbeierinnerten in trachtenähnlicher Kleidung, mit leuchtenden Gesichtern und glänzenden Augen. Zwischen ihnen und uns steht Markwart Müller-Elmau als Erzähler und Vermittler dieses hybriden Texts aus Roman und Drama. Oft murmelt er in sich hinein, scheu, hilflos, ruft die Ahnen herbei, kommt mit ihnen ins Gespräch – und muss mit Ansehen, wie die Familie zerbricht: Zwei seiner Onkel fallen als deutsche Soldaten im Krieg, zwei weitere Geschwister der Mutter werden Partisanen im Kampf gegen die Deutschen.

Frank Abt gehört zu den großen Sensiblen unter den Regisseuren, zu den leisen, behutsamen Stimmen. Beeindruckend, wie das Ensemble hier aus den Tableaus des Beginns feine Charakterstudien formt, wie die Großeltern sich necken und der Ton zwischen den Geschwistern rau, aber herzlich ist – bis der Krieg beginnt. Wenn die Todesmeldungen eintreffen und Katharina Matz' Großmutter wie Michael Gerbers Großvater die Eigenheiten ihrer Kinder erinnern, mit flackernden Stimmen zwischen Wärme und Verzweiflung, dann trifft das ins Mark.

Wunderbar, wie Judith Hofmann als Handkes Mutter sich immer wieder neu erfindet zwischen dem Mädchen voller Lebenslust und der Frau mit dem Riss im Herzen, wie sie jeden Ton wägt und jede Enttäuschung sanft unterspielt. Nur selten wird jemand laut, Thorsten Hierse etwa, der friedfertige große Bruder, der als Partisan innerlich verhärtet. Markant auch Ole Lagerpusch und Marcel Kohler als jüngere Brüder.

Während die Welt in Stücke geht, verliert das Bühnenbild seine Wände. Am Ende sitzen die Schauspieler ganz in Schwarz am hinteren Bühnenrand, sprechen aus einer anderen Welt zum Erzähler – ein gespenstischer Moment auch deshalb, weil das Leid der Familie nach Kriegsende weiterging: Abt fügt an Anfang und Schluss Auszüge aus Handkes Erzählung "Wunschloses Unglück" über den Selbstmord der Mutter. Das zieht die Linien überzeugend ins Heute, verortet den Text aber – wie schon mit dem kleinen Erzählformat und der kurzen Dauer von zwei Stunden – sehr privat. Das erreicht zwar nicht die mahlende Intensität von Dimiter Gotscheffs Fünf-Stunden-Uraufführung 2011, besitzt aber immer noch genug erschütternde, dunkle Momente, die einen so schnell nicht loslassen.


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