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04.05.2015

nachtkritik.de: Kriechende Fiesheit

Theatertreffen 2015 – Susanne Kennedys gespenstisches Fassbinder-Theaterremake "Warum läuft Herr R. Amok?"

Meinen ersten Fassbinder-Film habe ich mit 15 gesehen. Damals scannte ich als ungeouteter Teenager allwöchentlich die Fernsehzeitung nach potentiellem Identifikationsmaterial. Wenn's was mit schwuler Story gab, trug ich heimlich den kleinen Schwarzweiß-Zweitfernseher auf mein Zimmer, stellte mir den Wecker (Filme mit schwuler Thematik liefen in den 90ern meist nachts) und guckte am nächsten Morgen entsprechend müde aus der Wäsche. Einmal schaute ich so "Faustrecht der Freiheit", in dem ein (bürgerlicher) Mann seinen (proletarischen) Lover bis zum Letzten ausbeutet – ein Schlag in die Magengrube, nach dem ich bestimmt zwei Wochen lang deprimiert war.

Dieser Ur-Schlag wiederholte sich vor einiger Zeit, als ich "Warum läuft Herr R. Amok" sah. Diese Sprachlosigkeit in allem Gequatsche, das Bleierne im Alltäglichen, das Böse des Banalen – unerträgliche 90 Minuten lang. All die Spuren, die die durchökonomisierte Gesellschaft in den zwischenmenschlichen Beziehungen hinterlässt. Die Fremdbestimmtheit der Figuren, gefilmt in Farben, die wirken, als hätte man ihnen zu viel Blut abgezapft. Nach all den Szenen, in denen Herr R. durch sein fades Leben trottet, wirkt sein Triple-Mord an Frau, Nachbarin und Sohn wie eine Befreiung.

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