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16.05.2015

Berliner Morgenpost: Flüchtlinge, Pullovertausch und Konfetti

Diskussion statt Sektempfang: Das Theatertreffen zeigt sich in diesem Jahr so politisch und fragend wie nie zuvor

Wenn man die Stärke des Applauses und die Zahl schlagender Türen während der Vorstellung als Qualitätsbarometer versteht, stehen Sieger und Verlierer des diesjährigen Theatertreffens nach neun der zehn Gastspiele einigermaßen fest. Beide kommen aus Berlin. So heftig wie "Common Ground" vom Gorki Theater wurde keine andere Einladung gefeiert – mit teils stehenden Ovationen und nicht enden wollendem Jubel. Nirgendwo sonst aber verließen so viele Gäste den Saal wie während der ersten Vorstellung von "Warten auf Godot" am Deutschen Theater (DT).

Nun muss man aus Applaus und "Buhs" keine Wissenschaft machen. Aber die Abstimmung mit Händen und Füßen entspricht exakt der bisherigen Bandbreite des 52. Theatertreffens: Am oberen Ende der Sieger der Herzen und der Theaterkunst, weil sich Yael Ronen mit ihren Spielern ergebnisoffen in die (Kriegs-)Vergangenheit aufmacht und an konkreten Beispielen Kluges und Versöhnliches über unlösbare Konflikte herausfindet. Am unteren Ende überdehnte Langeweile trotz Virtuosentums, weil die Jury zu einer Dimiter-Gotscheff-Gedächtnisveranstaltung einlud und mit Ivan Panteleevs Inszenierung eine fade Imitation bekam: traurige Clowns auf einer Bühne, die mehr Leere gähnt, als Samuel Finzi und Wolfram Koch zu füllen vermögen.

Womit das Theatertreffen in diesem Jahr so viel über die Berliner Theaterszene erzählt wie selten. Über den kleinen David Gorki, das in allen seinen Inszenierungen die Augenhöhe mit dem Publikum sucht – und damit immer mal wieder relevante Kunst schafft. Und über den satten Platzhirsch und Goliath DT, das zu oft Kunstgewerbe abliefert.

Immerhin versucht es auch das DT immer mal wieder mit einer Frischzellenkur – zuletzt an den Kammerspielen mit Christopher Rüpings "Romeo und Julia"-Inszenierung. Zum Theatertreffen kam er aus Stuttgart mit "Das Fest", Thomas Vinterbergs Dogma-Film, der an deutschen Stadttheatern seit Jahren zum Repertoire gehört. So aber hat man das noch nie gesehen: Fliegend wechseln die sechs jungen Schauspieler die Rollen, spielen Kindergeburtstag und entwickeln die Kindesmissbrauchsgeschichte zwischen Konfettiregen und Pullovertausch. Der unerträglich dominante Vater trifft dennoch ins Mark.

Das DT hat übrigens auch "Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz im Programm – in einer ziemlich uninspirierten, teils ärgerlichen Inszenierung. Was man aus dem Hörspieltext rausholen kann, zeigt Dušan David Pařízek in seiner Uraufführung am Wiener Burgtheater: Vier Schauspielerinnen werfen sich lustvoll in die vielen männlichen Rollen, die selbst schon mit Klischees jonglieren, probieren Dialekte, machen Live-Geräusche – und zeigen mit Lotzs Lob der Fiktion, dass das Herz der Finsternis in uns selbst schlägt.

Übrigens ermöglicht die Auswahl in diesem Jahr auch einen Blick in die Berliner Zukunft: Mit Susanne Kennedy war zum zweiten Mal eine junge Regisseurin eingeladen, die Chris Dercon ab 2017 im Team seiner neuen Volksbühne hat. Ihre Fassbinder-Adaption "Warum läuft Herr R. Amok?" zeigt einmal mehr eine unterkühlte, hyperkünstliche Maskenästhetik im Playback. Das fasziniert in seiner Konsequenz und nervt doch hochgradig. Vor allem scheint diese Methode schon jetzt ausgereizt – wenn Kennedy in Berlin einen Fuß in die Tür kriegen will, muss sie sich neu erfinden.

Und sonst? Hinreißend komische Schauspieler schickt Karin Henkel in "John Gabriel Borkman" (Deutsches Schauspielhaus Hamburg) in den Führerinnen-Bunker. Das ist virtuos, kurzweilig – und kommt doch nicht an Vegard Vinges und Ida Müllers Jahrhundert-"Borkman" aus dem Volksbühnen-Prater vor vier Jahren heran. Die großartige Lina Beckmann aber bekam hinterher völlig verdient den 3sat-Preis. Robert Borgmann, der am Gorki zum Ende der Intendanz Armin Petras mal einen grottigen "Macbeth" verbrach, erschlägt mit viel Regie-Muskelspiel und Bühnen-Huberei das Denunzianten-Stück "die unverheiratete" von Ewald Palmetshofer (Burgtheater Wien) – aber die Schauspielerinnen um Elisabeth Orth und Stefanie Reinsperger sind natürlich eine Wucht. Herrlich zart tupft Thom Luz in seiner Treppenhaus-Phantasie "Atlas der abgelegenen Inseln" (Staatstheater Hannover) eine geisterhafte Grand-Hotel-Atmosphäre hin, beantwortet aber die Frage nicht, warum unbedingt Judith Schalanskys Texte diese Form brauchen.

Viel Angedachtes, Ausprobiertes, nicht vollkommen Gelungenes also, dafür aber auch wenig Abgesichertes und Routiniertes hat die siebenköpfige Jury ausgewählt und damit die Bedeutung des entscheidenden Wortes "bemerkenswert" wie schon in den letzten Jahren weg vom Hochglanztheater hin zum interessanten Versuch verschoben. Dem folgt in diesem Jahr auch das Festival selbst, das sich so politisch und fragend gibt wie nie zuvor. Prominent gesetzt war schon der Auftakt mit Nicolas Stemanns Jelinek-Inszenierung "Die Schutzbefohlenen", die mit ihren Diskussionstischen im Anschluss die Sektmeute auf Glitz und Glamour warten ließ – und seine Kraft gerade aus der offenen Grenze zum Aktionismus schöpft.

Damit nimmt das Theatertreffen ebenso wenig Rücksicht auf einen Teil seines Stammpublikums wie mit dem allabendlichen Verlesen eines Briefes, in dem sich das Festival mit der Kampagne "My right is your right" solidarisiert und zu Spenden aufruft, mit denen auch das "Haus der 28 Türen" auf dem Oranienplatz wiederaufgebaut werden soll – eine Angelegenheit, die im Festspiel-Publikum durchaus umstritten sein dürfte.

Aber noch ist das Festival nicht vorbei. Noch kommt ja Berlins ewiger Intendant Frank Castorf mit dem begehrtesten Termin des Theatertreffens, der letzten Vorstellung seiner von den Brecht-Erben untersagten Münchner "Baal"-Inszenierung. Und bringt zum Abschluss zwei Themen in den Fokus: das Urheberrecht. Und die Zukunft der Berliner Volksbühne.

 


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