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19.02.2011

nachtkritik.de: "Ich will mein 'Nüscht' wiederhaben!"

Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder – Nicolas Stemann und Team singen gegen die Sinn-Produktion.

Berlin, 19. Februar 2011. Aufhören kann ganz schön schwer sein. Manch einer schafft's nie. Nicolas Stemann und sein Team brauchen dafür gute zwei Stunden. "Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder" heißt ihre Show. Worum es geht? Um nichts und alles: die Produktion und Abwesenheit von Sinn, außerdem um die Plagen unserer Zeit. Das Aussteigen wollen und doch durchhalten müssen, um Burn-Out und Rücktritt, um Tod und Verklärung, kurz: um die Freiheit des titelgebenden Aufhörens.

"Ich will Sinn! Ganz viel Sinn!", ruft Margit Bendokat einmal. Denn was ist der Unterschied zwischen dem Deutschen Theater und dem (nur wenige Gehminuten entfernten) Friedrichstadtpalast? Etwa der, dass in dem einen Trampolinartisten auftreten, im anderen aber die Schauspieler nur so tun, als wären sie welche? Käme es nicht einer künstlerischen Befreiung gleich, auch an einem Stadt- oder Staatstheater den Sinn abzuschaffen? Geht das überhaupt?

Die Aussteiger der Saison

Und schon stecken Stemann, drei Musiker und fünf Schauspieler mitten in einer diskursiven Nabelschau, die, wo sie noch Un-Sinn behauptet, schon als Relevanzmaschine auf Hochtouren läuft. Oben werfen sie Zeitgeistiges und (Schein-)Provokatives rein, unten kommt ein Reigen heraus zwischen Pop-Revue, Arbeitsverweigerung und Kabarett. Da versuchen sie, uns weiszumachen, nach dem ersten Lied sei schon alles vorbei. Da werden die Aussteiger der Saison durchgekaut von Horst Köhler bis zu Husni Mubarak. Da schwadronieren Maria Schrader, Felix Göser und Andreas Döhler als Dschungelcamp-Bewohner am künstlichen Lagerfeuer vor Topfpflanzenkulisse. Dazu rotiert die mit Instrumenten und einem konstruktivistischen Showtreppenturm vollgestellte Drehbühne, während die Leinwände über den Proszeniumslogen mit live gedrehten Bildern geflutet werden.

Keine Frage: Dieser Abend hat Momente, bei denen es schade wäre, würde man sie verpassen. Etwa die wunderbare Margit Bendokat, die im golddurchwirkten Federboakleid auch die ärgsten Nonsense-Geschichten noch mit einer Intensität und Sprachkunst vorträgt, dass man gebannt und amüsiert zuhört. Wenn sie den Besserwutossi rauslässt und "Ich will mein 'Nüscht' wiederhaben" skandiert oder Kalauer mit ihrer nachschleifenden, widerhakenden Diktion adelt, will man das einen ganzen Abend lang.

"Reicht das für Theater?"

Oder Barbara Heynen, die so wundervoll den Gummipuppenblick stiert und hinstürzt, als wäre sie an der Volksbühne groß geworden. Oder Felix Göser, diese Testosteronschleuder, der sich im glitzernden Abendkleid bewegt, als hätte er nie etwas anderes getragen und dabei so missmutig schaut, als gäb's dafür 'ne Extra-Gage. Auch die musikalischen Arrangements sind oft treffend, finden Nuancen in abgenudelten Hits wie "The Show Must Go On", bauen geschickt Brücken und Assoziationsflächen.

Ja, aber. Der Abend hat seine Längen. Oft wirkt er wie ein selbstreferentieller Running Gag von Theaterwissenschaftsstudenten. Wenn Stemann singt: "Reicht das für Theater? / Sind noch alle da? / Reicht das für das Abo? / Und fürs Repertoire?", dann ist auch das zwar lustig. Aber eben nur für den Augenblick. Zumal angesichts seiner anderen Arbeiten, Die Kontrakte des Kaufmanns etwa oder Die Heilige Johanna der Schlachthöfe, in denen er so kunstvoll Musik und Text, Klang und Sinn miteinander verwob und aneinander rieb. Hier bleibt der Eindruck einer kabarettistischen Nummernrevue, die nicht ganz fertig geworden ist mit Texten, die nicht gerade in den Verdacht literarischer Güte geraten.

Andererseits: Bei einem Abend, der um die Freiheit kreist, ist eben alles möglich – für die Künstler wie für die Zuschauer. Man hat die Freiheit zu lachen. Sich einzumischen. Mitzuklatschen. Nach Zugaben zu rufen. Zu gehen. All das ist während der Premiere geschehen. Man hat allerdings auch die Freiheit, zu Hause zu bleiben – und die Freiheit aufzuhören.


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