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02.06.2015

Berliner Morgenpost: Dieser Julius Cäsar ist näher an Asterix als an der Geschichte

Jubel für die Sänger, Buhs für die Regie: Lydia Steier pinselt Händels "Giulio Cesare in Egitto" an der Komischen Oper grob mit Blut und Busen aus. Das ist nur selten überzeugend.

Wer einen Feldherrn und Herrscher vom Format Cäsars um den Finger wickeln will, muss sich was einfallen lassen. Also zieht Cleopatra alle Register, die die barocke Oper zu bieten hat. Balsamisch singt Valentina Farcas' Königin ihre Verführungsarie "V'adoro, pupille", während sie im goldenen Streitwagen vor goldumkränzter Wolke vom Himmel herabschwebt. Dort entledigt sie sich vor Cäsars staunenden Augen ihres Brustpanzers, öffnet das Hemd – und verschwindet. War ja nur der Appetithappen – Cäsar beißt natürlich an.

Schon in Georg Friedrich Händels 1724 in London uraufgeführter Oper "Giulio Cesare in Egitto" sticht diese Verführungsszene heraus, als Theater im Theater. Womit schnell klar ist, dass es hier trotz des historischen Personals weniger um Weltgeschichte geht als um Leidenschaften. Das Libretto ist dichter beim "Asterix"-Comic als bei Geschichtsfakten. Immerhin der Hintergrund stimmt halbwegs: Cäsars Widersacher Pompeius floh bis nach Ägypten, wo er vom Pharao Ptolemaios umgebracht und sein Kopf Cäsar als Gastgeschenk vorgelegt wurde. Weil in der Originalsprache gesungen wird, heißt Ptolemaios hier Tolomeo, gegen den sich alle verbünden, der Eroberer Cäsar mit Pompeius' Witwe Cornelia und Sohn Sesto, später auch mit Cleopatra – natürlich mit barocktypischem Happy End.

Die US-Regisseurin Lydia Steier erzählt das an der Komischen Oper als psychologisches Märchen. Cleopatra ist eine seit der Kindheit traumatisierte Frau, weil sie schon als Mädchen mit ihrem tyrannischen Bruder verheiratet wurde. Der hat einen Schaden, weil sie ihn nie an sich ranlässt. Deshalb steckt sein Harem voller Cleopatra-Doubles, deshalb zwingt er später Cornelia in Schwarzhaarperücke und Cleopatras goldenen Fummel, deshalb lässt er seinen Hass an allen aus, die ihm als Opfer zwischen die Finger kommen. Wie der Herr, so das Gescherr: Der ägyptische Hof wimmelt von raffgierigen Dekadenz-Fratzen im Barock-Trash-Fummel.

Dass der Lack ab ist, verrät schon Katharina Schlipfs Prachtbühne aus drei Palast-Interieurs. Sie verbinden barocke Pracht mit klassizistischer Strenge. Von der Decke, in der ein riesiges Loch klafft, blättert die Farbe. Diese Opulenz, die die gesamte Tiefe der Seitenbühnen strapaziert, um zwischen Cleopatras Gemach, dem Festsaal und Tolomeos Herrenzimmer zu wechseln, erinnert an den bislang größten Händel-Hit der Komischen Oper: "Xerxes" unter der Regie von Stefan Herheim.

Wo der norwegische Starregisseur allerdings ein immer auf den jeweiligen Affekt abzielendes Feuerwerk der Bilder und Ideen abfackelte und dabei hinter die Kulissen einer barocken Theatermaschinerie blickte, sucht Steier Psychologie und krasse Bilder, die aber letztlich nur Theater bleiben. Natürlich muss man die Gefühle dieser Oper ernst nehmen, unbedingt sogar. Aber im heutigen Sinne logisch verhält sich hier niemand, schließlich geht es letztlich um höfische Tugenden. Was an innerer Entwicklung da ist – und das ist gerade bei Cleopatra erstaunlich viel, die sich von der Trällermaus über die Verführerin und Leidenden zur wahrhaft Liebenden wandelt –, erzählt die Musik bewundernswert deutlich.

Steier aber pinselt grob Blut und Busen: Cäsar fingert an Pompeius' abgehacktem Kopf herum, den Tolomeo später verspeist. Als dessen Schergen Cäsar schlagen, der dabei auf Clint Eastwood macht, rächt sich Cleopatra, indem sie ihren Bruder so mit Ananasstücken füttert, das er ersticken würde, rettete ihn Cäsar nicht mit einem Würgegriff – natürlich mitten in seiner Koloraturarie. Einfälle, die die Psychologie schärfen sollen, aber eher vom Wesentlichen ablenken. Nur selten geht das auf, wenn in das herzzerreißende Klageduett von Cornelia und Sesto dessen Folterschreie gellen.

Überhaupt: die Musik! Händel hat hier ja einen Hit nach dem nächsten geschrieben, jede zweite Arie ist ein Ohrwurm. Gerade sie machen klar, was Steiers Inszenierung zu beweisen versucht: dass Cleopatra die eigentliche Heldin ist. Valentina Farcas, früher fest an der Komischen Oper, zündet nach einer Aufwärmphase ihr Koloraturfeuerwerk voll stimmerotischer Verführungskraft und findet in den Klagearien eine emotionale Tiefe, zum Heulen schön.

Kein Wunder jedenfalls, dass Cesare ihr verfällt – vorübergehend. Er kommt hoch auf dem Plastikpferd und verschwindet so auch wieder, ein Standbild seiner selbst. Händel hat die Rolle für einen Kastraten geschrieben, heute wird sie meist mit einem Mezzosopran besetzt. Die Komische Oper aber hat sich für Bariton Dominik Köninger entschieden, ein Bild von einem Mann. Was er kann, hat er als Orpheus und in Mozart-Opern bewiesen. Mit Händels komplexem Gegurgel allerdings ist er überfordert. Nur wenn Händel weite Bögen komponiert hat, wie im Arioso über den Tod des Pompeius, wirkt dieser Cesare bei sich.

Auch Anna Bernacka als Tolomeo ist keine Idealbesetzung. Ihrer Stimme fehlt die letzte Kraft, szenisch wirkt sie wie die Westentaschenversion eines Diktators. Dafür glänzen Ezgi Kutlu als Cornelia mit einem berückend warmen Mezzo, Theresa Kronthaler als vokal agiler Sesto und Günter Papendell als äußerst sonorer Scherge Achilla. Hier, in den Nebenrollen, flackert das Händel-Glück unerwartet heftig auf, in herrlicher Intensität. Auch im Graben, wo Barockspezialist Konrad Junghänel seine Zusammenarbeit mit dem Orchester der Komischen Oper überzeugend fortsetzt. Im ersten Akt raufen sie sich noch etwas zusammen, aber dann finden sie bald den warm strahlenden Händel-Drive. Für die Sänger und Musiker gab's am Ende großen Jubel, für das Regieteam auch etliche Buhs.


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