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18.05.2015

Berliner Morgenpost: Hype um letzte Baal-Inszenierung in Berlin

Was für ein Spektakel! Das Theatertreffen setzt die allerletzte "Baal"-Vorstellung von Frank Castorfs Inszenierung auf den allerletzten Festivaltag – und ganz Theater-Berlin strömt herbei.

Intendanten, Regisseure, Schauspieler, Bühnenbildner, Kritiker und Kartensucher drängen sich an diesem Abend vor dem Haus der Berliner Festspiele. Eine Chance für eine Karte für die allerletzte "Baal"-Vorstellung von Frank Castorf gibt es sogar: Vor dem Theater wird sie versteigert. Dahinter steckt der feine, subversive Festival-Blog – die 135 Euro, die ein älterer Herr dafür auszugeben bereit ist, spenden sie an die Brecht-Erben, zur Wahrung der Werktreue. Alle leer Ausgegangenen können im Foyer die Live-Übertragung aus dem Saal verfolgen.

Die Brecht-Erben sind auch der Grund für den "Baal"-Hype: Sie hatten über den Suhrkamp-Theaterverlag erwirkt, dass Castorfs Inszenierung am Münchner Residenztheater abgesetzt werden muss, weil sie eine "nicht autorisierte Bearbeitung des Stückes" darstellte – wegen der vielen Fremdtexte.

Der Kompromiss nach einem Verhandlungsmarathon vor dem Landgericht München, der mit sechs Stunden und ziemlich chaotischen Auftritten selbst einer Castorf-Inszenierung glich: Die Inszenierung durfte noch zwei Mal gezeigt werden, einmal in München, einmal in Berlin.

Nach der Theatertreffen-Vorstellung wirkte Castorf eigentlich ganz gut gelaunt, schließlich hatte er es geschafft, nach 30 Jahren wieder verboten zu werden. Auch beim letzten Mal ging's um eine Brecht-Inszenierung, "Trommeln in der Nacht" in Anklam, untersagt von der DDR-Führung. Und jetzt?

"Brecht selbst hat am Ende gesagt: Dem Stück fehlt Weisheit. Das habe ich als Auftrag zu ernst genommen." Die Geschichte vom maßlosen Dichter, der sich außerhalb der Gesellschaft stellt, säuft, hurt, mordet, stammt von 1922 – eine eher lose Szenenfolge, die der Autor selbst mehrfach bearbeitete. Und ordentlich Vorbilder einfließen ließ: das vagabundierende Dichterpaar Verlaine und Rimbaud zum Beispiel. Deswegen knutschen und grabbeln Aurel Mantheis Baal und Frank Pätzolds Ekart ständig miteinander rum, gerne auch zu dritt mit Andrea Wenzls Sophie.

Aber Castorf spürt nicht nur den Vorlagen nach, sondern auch den Verlängerungen des Stoffs in die Gegenwart: In Baals obsessiver Genuss- und Ich-Sucht sieht er die blutigen Spuren der Weltgeschichte, die zerrüttete Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg findet er im Vietkong wieder, weshalb ganze Szenen aus Francis Ford Coppolas Film-Klassiker "Apokalypse Now" nachgespielt werden. Gerne als szenische Doppelung, wo die Münchner Schauspieler ziemlich grob in die Filmbilder hineingeschnitten sind.

Natürlich ist Castorfs Inszenierung mal wieder eine große Überforderungsshow auf Aleksandar Denićs herrlicher Drehbühne, wo ein echter Militärhelikopter, ein Boot und ein chinesisches Tempelchen , ein Laden, ein Pool und eine luxuriöse Tafel auf zwei Ebenen ineinander verschränkt sind. Es ist das übliche Geschreie und Gekreische, das angedeutete Gerammel und Geringe, wie wir es aus Berlin kennen – schlechter (wie neulich in "Kaputt"), aber auch viel, viel besser.

Aber gut, wir lernen: "Geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt." Am witzigsten sind die vielen Dernière-Gags: Einmal wird Brechts "Dreigroschenoper" zitiert, die 1928 am Theater im Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, "wo jetzt unser geliebter Freund Claus residiert, und jetzt soll er in Rente, und nicht nur er! Man will sie morden, die alten Säcke!"

Immerhin zeigt der Abend bei all seinen Schwächen, wie sehr Castorf der Über(groß)vater der aktuellen Theaterszene ist. In "Baal" kulminieren noch einmal zahlreiche Themen und Ästhetiken vieler der anderen eingeladenen Abende: Rassismus und Postkolonialismus, Vergangenheitsbewältigung, Crossover (hier zu Film und Oper), Dekonstruktion zum Beispiel. Den leidenschaftlichen Schlussapplaus nach viereinhalb Stunden lässt sich deshalb auch als Verneigung vor einem Lebenswerk lesen.

Aber gerade weil Castorf längst stilprägend geworden ist, sich seine Handschrift in nahezu jeder Inszenierung beim Theatertreffen wiederfand, weil er auch ohne eigenes Haus weiterarbeiten wird und 25 Jahre eine verdammt lange Zeit sind, ist es gut, dass an der Berliner Volksbühne bald der Generationenwechsel beginnt. Vor der "Baal"-Vorstellung demonstrierte eine Frau mit einem selbstgebastelten "Volksbühne muss bleiben"-Schild. Sie wirkte ziemlich allein.


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