Archiv Referenzen

06.06.2015

Berliner Morgenpost: Vor der Heirat wird gewarnt

Georg Kreislers unromantische Liebeslieder im Schlosspark-Theater

Sein schwarzer Humor ist legendär, Titel wie "Taubenvergiften im Park" und "Wien ohne Wiener" sind es auch: Georg Kreisler war ein Evergreen-Meister des bösen Lieds. Sein Witz besitzt immer einen Trauerrand, seine Musik denkt ebenso um die Ecke wie seine Verse. Kreisler ist deswegen komisch, weil er wahr ist. Aber romantisch? "Liebeslieder sind immer am Ultimo", hat Kreisler gedichtet: "Man singt sie verzweifelt, weil sonst nichts mehr bliebe: Denn sie handeln von Liebe. Nichts außer Liebe." Das stimmt und stimmt nicht – denn auch in seinen Liebesliedern geht es bei Kreisler meist ums große Ganze, um Leben und Tod, um Gesellschaft, Politik, die Verzweiflung. Die Ehe kommt bei ihm dabei besonders schlecht weg. Er musste es wissen, er war vier Mal verheiratet.

 

Zuletzt mit Barbara Kreisler-Peters, immerhin 36 Jahre lang bis zu seinem Tod. Ob aus Trägheit oder Liebe ist nicht überliefert. Als jahrzehntelange Bühnenpartnerin und diensthabende Witwe hat sie nun einen Wunsch ihres 2011 gestorbenen Mannes umgesetzt und mit Ilja Richter und Sherri Jones am Flügel den intimen Liederabend "Liebeslieder am Ultimo" geschaffen. Herausgekommen ist eine äußerst lebendige Heldenverehrung. Zu Beginn wird gleich klargemacht, wer hier im Mittelpunkt steht: Während Kreisler vom Band das titelgebende Lied singt, wird seine Silhouette immer größer, bis sie die ganze Rückwand ausfüllt.

Richter und Kreisler-Peters sind ein ungleiches Paar: Er wirkt immer noch jugendlich und kann mit seiner Prachtstimme machen, was er will. Ein Clown mit Erdung und Mutterwitz. Sie dagegen wirkt wie eine gealterte Soubrette mit Brecht-Training, hart im Sprechgesang, zerbrechlich in der Höhe. Wo sie markiert, geht er in die Vollen. Und das hat, gerade in dieser Kombination, Charme.

Zwischen Flügel und Caféhaustisch und vor einer Leinwand mit gelegentlichen Animationen in Schwarz-weiß singen sie Titel von der "Ultimo"-Platte und thematisch verwandte Lieder. Mal ist ein Gedicht dazwischen, mal spielt Jones aus Kreislers Klavierwerken. Etwa aus seiner Klaviersonate von 1952, in deren 2. Satz er einen Walzer in seine Einzelteile zerlegte und schön schräg wieder zusammensetzte. Man hört: Der Mann hatte wirklich Ahnung von Musik.

Ruheinseln und eine schöne Zumutung sind das im bittersüßen Lach- und Denksturm, wo so unsterbliche Bonmots wie "Als wir noch dünner waren, standen wir uns näher" und "Schöne Frauen kosten sehr viel Geld" zu Liedern erblühen, die gnadenlos mit jeder Romantik abrechnen. Einmal heißt es: "Ein Politiker hat keine Liebe, ein Politiker hat seine Frau. Die ist hässlich, aber wenigstens verlässlich. Bei der Liebe weiß man das nicht so genau." Was sich der Regierende Michael Müller (SPD) dabei gedacht haben mag, der mit seiner Ehefrau in Reihe 6 saß?

Nach der Pause zieht die Intensität noch einmal an, wenn Richter mit "Mein Weib will mich verlassen" und mit "Mütterlein" das Publikum schelmisch um den Finger wickelt. Und wenn Kreisler-Peters den verlassenen Herrn "Professor" derart fahl tröstet, dass der sich eigentlich gleich den Strick nehmen kann. Herrlich auch ihre Hamburger Dirne mit Kitschsehnsucht in "Reeperbahn". Nicht alle szenischen Ideen sind gelungen, aber meist unterstreichen sie wirkungsvoll den Text: Die Ehetristesse, die Richter und Kreisler-Peters in ihren alten Morgenmänteln ausstrahlen, während sie am Endlosschal strickt, entspricht dem Desaster in "Ein Abend zu zweit".

Dabei erweist sich Jones am Flügel als ideale Dritte im Bunde, weil sie jeden Hänger und jede Verzögerung der beiden Schauspieler behutsam an den Tasten abfedert. Besonders schön, als Richter sich einmal in den komplexen Zeilen von "Sie ist ein herrliches Weib" verheddert und – mit Jones' Unterstützung – fix ein paar Verse improvisiert, die wie Original-Kreisler klingen, bis er nahezu bruchlos ins Lied zurückfindet. Woraufhin das Publikum ihm zu Füßen liegt – wie dem gesamten Abend.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt